Opa Hermann und der Kupfertank

7. Februar 2010

von per Inradi

„Opa Hermann, was hast du damals als Kind denn noch mit deiner Bande in der großen Stadt noch so erlebt?“

„Moment – ich lese gerade noch unser Horoskop. Also bei dir steht, dass die Damen dich lieben… Gut, meine Kindheit.

Also in den Fünfziger Jahren war man anders zu Kindern – und Piratenschafen – wie heute. Wir bekamen kein Taschengeld, hatten aber trotzdem unsere Wünsche. Folglich sammelten wir Schrott, den wir in einem Eimer immer zum Schmierigen Erwin schleppten. Es war ein kugeliger Mann mit speckigem Jägerhüttchen und einem fürchterlich verschmierten, eng sitzenden grauen Kittel. Bei jeder Lieferung jammerte er, dass das doch wohl geklaut sei und gab uns ein paar Groschen.

Unser Jagdgebiet waren die Schienen vor dem großen Hauptbahnhof. Dort fuhren die Züge langsam und verloren schon mal etwas aus Metall. Oft versuchten wir auch, die bildschönen Rücklichter aus der Verankerung zu ziehen, was uns aber nie gelang. Aber regelmäßig wurden wir weggejagt, weil wir selbst die absoluten Gefahren nicht einschätzen konnten.

Und einmal entdeckten wir am Bahndamm einen Tank aus Kupfer. Mann, waren wir glücklich. Das gab richtig Geld. Wir jubelten. Auf zwei Rollern und zu viert brachten wir diesen wertvollen Fund über Bordsteine und Kreuzungen über 6 km zum Schmierigen Erwin.

Dieser lag hinter seiner Hütte und schrie, dass wir verschwinden sollten.

‚Nichts da! Mindestens fünf Mark wollten wir haben!’ Er hatte uns schon zu oft über den Tisch gezogen. ‚Fünf Mark! Mindestens!’ brüllten wir zurück.

Es dauerte nicht lange, da kamen zwei Polizeiwagen mit jeweils zwei Polizisten auf das Gelände gestürmt und wir ergriffen enttäuscht die Flucht. Traurig kehrten wir in der anbrechenden Dunkelheit heim und wurden von den Eltern gehörig ausgeschimpft.

Tags darauf kam ein Bandenmitglied und berichtete, dass der Polizist des Viertels sagte, vier Schwachköpfe hätten dem Schmierigen Erwin eine Phosphor-Bombe mit intaktem Schlagzünder aus dem Krieg gebracht und der Beschreibung nach müssten wir das gewesen sein.“

AMOS hatte gespannt gelauscht: “Und die war keine fünf Mark Wert, obwohl sie aus Kupfer war?“

AMOS und die Presse

2. Februar 2010
von Lisa Ringen

Es ließ AMOS einfach keine Ruhe.

Unruhig trippelte er durch die Küche und wäre beinahe über Igel Jupp gestolpert, der seinen Winterschlaf ausnahmsweise unterbrochen hatte, um sich in Opa Hermanns Küche ein wenig die kurzen Beine zu vertreten und ein paar Tropfen Kakao zu schlürfen.

Immer wieder sprang AMOS mit den Vorderhufen auf den Fenstersims, legte sein Köpfchen ab und starrte vornübergebeugt mit leicht zusammengekniffenem Auge hinaus in das winterliche Schneetreiben vor der Kate.

Opa Hermann faltete die Tageszeitung ordentlich zusammen, setzte behutsam seine Lesebrille ab und legte beides vor sich auf den Küchentisch.

„AMOS, was ist los? So hibbelig habe ich dich ja schon lange nicht mehr gesehen.“

AMOS sprang mit einer halben Drehung vom Fenstersims und landete routiniert auf allen vier Hufen.

„Die lassen sich aber ganz schön Zeit. Muss wohl am ollen Glatteis liegen“ mutmaßte AMOS, während er zu Opa Hermann an den Tisch trat. Der verstand erst mal nur Bahnhof, denn soweit er wusste, erwarteten sie keinen Besuch.

„Würdest du mir bitte meine Augenklappe auf das andere Auge binden? Rechts ist nämlich meine Schokoladenseite.“

„Aha. Von wem hast du das denn?“, wunderte sich Opa Hermann und löste bereitwillig die Schleife von AMOS Augenklappe.

„Von der großen Schwester der kleinen Neele. Die hat auch eine Schokoladenseite, aber ich weiß nicht mehr genau welche.“

AMOS freute sich insgeheim, Opa Hermann zur Abwechslung etwas erklären zu können. „Die kann man aber nicht essen“, fügte er eilig hinzu, um ihn nicht unnötig irrezuleiten.

Opa Hermann, der nicht wusste, welche Gesichtshälfte seine Schokoladenseite war, aber durchaus mit dem Begriff etwas anfangen konnte, interessierte vielmehr, wen AMOS eigentlich zu Besuch erwartete.

„Für wen willst du dich denn von deiner besten Seite zeigen?“

AMOS freute sich, dass Opa Hermann die Sache mit der Schokoladenseite anscheinend verstanden hatte und wollte ihn natürlich nicht länger im Dunklen tappen lassen.

„Ich warte“, räusperte er sich blökend „auf die Väter.“

„Die Väter? Welche Väter denn nun? Neeles Vater?“ Auf andere „Väter“ konnte sich Opa Hermann in diesem Moment partout keinen Reim machen.

„Nein, nein, die italienischen Väter natürlich!“

„Die italienischen Väter?“

„Ja, ja, ja, die mit den Kameras und den Blitzen!“ AMOS sprang aufgeregt, die Augenklappe nun auf dem linken Auge, vor Opa Hermann auf und ab. Er musste sich ein trotziges Aufstampfen mit dem Huf wirklich verkneifen, denn Opa Hermann hatte das nicht so gerne. Endlich war der Groschen gefallen und Opa Hermann lachte glucksend.

„Du meinst die Paparazzi! Das müssen aber nicht unbedingt Väter sein.“

„Ja, genau, die meine ich! Neeles große Schwester hat gesagt, wenn Paparazzi wüssten, dass es bei uns im Dorf ein enorm gefährliches Piratenschaf lebt, dann hätten würden die bestimmt kommen, mich fotografieren und in die Regenbogenpresse stecken. Und jetzt warte ich schon den ganzen Vormittag.“

AMOS konnte nicht verstehen, was Opa Hermann daran so lustig fand und ärgerte sich ein bisschen.

„Weißt du eigentlich, was die Regenbogenpresse ist?“ wollte Opa Hermann wissen.

„Nicht genau, aber sie tut wohl nicht weh und ist ganz bunt. Eine heißt sogar so: BUNTE. Wenn man da drin ist, dann ist man eine Zeit lang ein Star.“

„Die Regenbogenpresse wird auch Klatschpresse genannt. Das sind Begriffe für bunte Zeitschriften, aus denen man Klatsch und Tratsch aus der Welt der Prominenten und Möchtegern-Prominenten erfährt. Für ein einzigartiges, enorm gefährliches Piratenschaf ist das nichts.“ Opa Hermann legte seine Hand beschützend auf AMOS Köpfchen. „Dafür bist du mir viel zu schade, mein guter AMOS.“

AMOS senkte seinen Blick verlegen auf den Küchenboden und malte mit dem linken Vorderhuf die Kacheln des Küchenbodens nach. Opa Hermann hatte anscheinend Verlustängste, soviel verstand der kleine, belämmerte AMOS.

„Opa Hermann, bitte überlege es dir noch mal, ja? Wenn die Paparatten kommen und mich zum Star machen wollen, kannst du ihnen ja sagen, dass ich gerne ein Piratenschaf bin und auch nicht ewig ein Vogel bleiben will.“

AMOS und ein sehr schwarzer Tag

31. Januar 2010
von Per Inradi

Nichts.

Auch in der hinteren Ecke des Gartens zeigte sich nicht das kleinste Vögelchen. Mag es am Klepper-Regenmantel-Grau des Himmels gelegen haben? Die sonst so freundliche Natur schien den Atem anzuhalten.

Opa Hermann ging vom Fenster weg und hockte sich neben das gefährliche Piratenschaf, dass mit geschlossenen Äuglein bibberte.

„Es wird uns einholen und wir haben nie so sachlich darüber gesprochen. Aber es bringt nichts, wenn wir es schön reden.“

AMOS rieb seine Seite ans Tischbein, weil schwere Anspannung  im Raum lag. Die groben Hände des väterlichen Freundes versuchten zu streicheln, was aber nur wie ein Abtasten gelang. Nach den richtigen Worten ringend nahm er das Köpfchen des erschrocken dreinblickenden AMOS in beide Handflächen und schaute bedächtig herab.

„Irgendwann ist man unschuldiges Lämmchen. Das Schicksal wollte, dass Du ein gefährliches Piratenschaf wurdest und die Zeit wechselt die Jahreszeiten. Alles ohne Rücksicht auf das, woran man sich so nett gewöhnt hat.

Auch das, mein kleiner Freund, gehört zum Leben und ich habe Dir immer gern deine Löckchen gekrault, Deine Augenklappe auf die andere Seite gebunden, Kakao serviert. Es nützt alles nichts. Bringen wir es hinter uns.“ Der alte Mann seufzte geqäult.

AMOS versuchte, stark zu stehen, was ihm sichtlich der schlotternden Beinchen schwer fiel. „Ich will es als gefährliches Piratenschaf ertragen aber nun sprich es einfach aus.“

Opa Hermann sah wieder aus dem Fenster.

„AMOS. Liebster AMOS.

Es kommt der Tag näher, an dem du geschoren werden musst. Jedoch habe ich dir bereits einen schönen weißen Troyer bei Leuchtfeuer bestellt. Das sind diese Seemannspullover mit dem Reißverschluss im Rollkragen.“