Archiv für September 2009

Propaganda in Weener – Teil 3

Sonntag, 27. September 2009
von Mischar Jung

Nachdem Opa Hermann die Fassung wieder erlangt hatte und das wild Slalom-fahrende Fahrrad mit dem polternden Anhänger begradigen konnte, beantwortete er AMOS’ belämmerte Frage.

“Nein AMOS. So etwas wie einen Häuptling gibt es heute nicht mehr. Aber wenn man eine Wahl gewinnt, dann ist man so etwas Ähnliches wie ein Häuptling. Ob man dann aber wirklich was zu melden hat, wie ein echter Häuptling, sei dahingestellt.”

“Stimmt.” kicherte AMOS. “Wäre der rote Mann wirklich ein Häuptling, dann hätte er ja auch Federn auf dem Kopf und würde den ganzen Tag Pfeife rauchen.”

“Das würde hier in Ostfriesland auch bescheuert aussehen.” ergänzte Opa Hermann.

Das illustre Gespann erreichte den Wochenmarkt in Weener. AMOS hüpfte mit Elan aus dem Anhänger. Viel los war dort nicht. AMOS wollte schon loskantapern aber Opa Hermann lotste ihn zielstrebig zu einen komischen Stand mit einem lustigen roten Regenschirm. “Hier entlang, mein kleiner Pirat. Den Häuptling hier kennst Du vielleicht.”

AMOS drehte den Kopf nach rechts und sah mit dem linken Auge den roten Mann von dem Plakat unter dem überdimensionalen roten Regenschirm stehen. Ganz so rot sah der Mann gar nicht aus, aber die Krawatte schon.

“Hey Häuptling Keno!” rief der zottelige Pirat. “Was machen die Indianer?”

Der Mann unter dem Schirm blickte erschrocken auf das sprechende Schaf herab und wusste im ersten Moment nichts mit der Situation anzufangen. Opa Hermann hatte Mühe, sich ein Grinsen zu verkneifen. “Ich bin’s. AMOS. Ich bin ein gefährliches Piratenschaf. Und Ostfriese, glaube ich. Ich suche meine Freunde, die lieben Piraten. Hast Du sie vielleicht gesehen?”

Da war es wieder, das gequält wirkende Lächeln, wie auf dem Plakat.

“Schön, Dich kennen zu lernen. Wir sind hier ja heute, weil bald wieder Wahlen sind, nech?” Der Mann blickte unruhig umher, in der Hoffnung, jemand wichtiges wäre in der Nähe, denn mit einem Schaf konnte er nicht so wirklich etwas anfangen. Mit einem Schaf von den Piraten schon gar nicht.

“Wir unterhalten uns mit den Bürgerinnen und Bürgern. Denn wir wollen sehen, wo der Schuh drückt, nech?” Er bückte sich zu AMOS herunter und tätschelte ihn etwas steif und unbeholfen auf der linken Seite.

AMOS blickte verwundert an sich herunter. “Aber ich habe doch gar keine Schuhe an!” blöckte er. “Ich bin auf der Suche nach den lieben Piraten und Captain Hornblewer auf der Cara Mia.” AMOS blickte auf und rümpfte sein schwarzes Näschen ein wenig piratig.

“Ein echter Pirat trägt auch keine Schuhe.” ergänzte Opa Hermann nickend.

Der Häuptling von Weener schwieg verdutzt für einen Moment. Eine lustige Frau mit einem puterroten, etwas dicklichen Gesicht und roten Haaren lies einen kleinen roten Luftballon vor Schreck sausen, den sie aufblasen wollte. “Nee nee,” rief sie. “Mit denen Piraten wulln wi nix to doon hebbn. Dat sün doch aal nur Chaoten, de kien Recht un kien Ordnung kennen. Un immer düssn Internetz. Dor givt’s aal nur Schmuddelkram. Hacker sün dat. Aal mitnanner.”

“Ja ja, nech?” sprang der Mann mit der feuerroten Krawatte ein. Schweißperlen bildeten sich plötzlich auf seiner Stirn. “Da müssen klare Regeln und Gesetze geschaffen werden, damit den Hackern Einhalt geboten wird.”

AMOS verstand nicht wirklich, worauf der Häuptling hinaus wollte. “Auf der Cara Mia habe ich zusammen mit dem blinden Onnen immer das Holz gehackt. Der lahme Wübbo brauchte das in der Kombüse zum Kochen. Ich musste helfen, weil Onnen ja nicht wirklich was sehen konnte mit seinen beiden Augenklappen. Und als Belohnung gab es dann immer eine Schale heißen Kakao.”

Der Mann unterm Schirm wusste nicht mehr weiter. Stammelnd kramte er noch in einem Kasten mit Kugelschreibern und Bildern, die wie die Plakate aussahen. Er war froh, dass in diesem Moment eine Frau am Stand vorbei lief, die er ansprechen konnte. Er verabschiedete sich noch hastig von AMOS und tätschelte ihn wieder potenziell freundschaftlich, aber diesmal auf der rechten Seite.

AMOS drehte sich zu Opa Hermann. “Wir sollten schnell nach Hause fahren und heute abend noch alles Holz hacken, das hinter Deiner Kate liegt, bevor der Häuptling uns das verbietet.”

Opa Hermann lachte. “Machen wir AMOS. Dann bekommst Du auch einen besonders leckeren Kakao als Belohnung.”

AMOS drehte sich noch kurz um und rief ein erhabenes “Avalott-Mäh Häuptling!” zu dem Mann, der nun ziemlich niedergeschlagen neben der wütenden Frau stand, die am Stand vorbei laufen wollte.

“Nee nee. SPD wulln wie nich. So wiet kümmt dat noch aal. Müt dissn Ulla Schmidt un so, wat dee uns betrooogen het mit de Auto in’n Urlaub”, krakeelte die Frau.

Einen Kugelschreiber wollte sie auch nicht haben. Sie hatte schon einen zuhause.

AMOS und die Sicht der Dinge

Samstag, 19. September 2009
von Rainer Dietrich

AMOS lauschte dem monotonen Rhythmus der auf die Fensterbank herabfallenden Regentropfen und drückte seine Schafsnase an der Scheibe platt. Draußen fehlten die Kühe auf der Weide und bald würde es noch kälter werden. Dann würde er den roten Schal wieder tragen – bestimmt … oder eben auch nicht, seufzte er in sein Fell.

„Opa Herrmann?“

Der angesprochene blickte von der Zeitung hoch und über die Lesebrille hinweg.

„Opa Herrmann, warum ist denn alles hier so traurig?“

Die Zeitung wurde zusammen gefaltet und die Brille obenauf gelegt. Mit leichtem Streicheln über den Kopf hatte AMOS sich immer schnell beruhigt. „Es ist November, kleiner Freund, November in Jever, in Aurich, in Leer und auch hier. Da sieht es eben überall so aus. Aber Du musst Ostfriesland halt durch eine positive Brille sehen – ein bisschen rosa-rot wäre dabei nicht schlecht.“

AMOS blickte ungläubig hoch, aber er hatte gut zugehört und sich alles gemerkt. Seine Bedrückung lag also an einer Brille?

Opa Herrmann schlief noch, als AMOS die Landstraße herunter trottete. Eigentlich hätte die Augenklappe jetzt auf das andere Auge gemusst, aber das war ihm egal.

Endlich am Kanal angekommen sah er das, was er suchte. Ein ganzes Schaufenster voller Brillen. Schnell schüttelte er noch mal die Wassertropfen aus seinem Fell und dann trat er durch die halboffene Tür, worauf ein Gong ihn erschreckte. Aus einem Hinterzimmer erschien ein hoch gewachsener Mittdreißiger, der im Schwung inne hielt und mit zwei Fingern seine italienische Designerbrille wieder in Form brachte.

Leicht erhaben und säuerlich murmelte er ein „Moin, moin.“

„Ich bin AMOS, ein gefährliches Piratenschaf und auf der Suche nach meinen lieben Piratenfreunden.“

„Soso,“ hüstelte der Optikermeister – „und jetzt auf der Suche nach einem Monokel?“

AMOS wusste nicht, was ein Monokel war, freute sich aber, dass man ihn in etwa verstand.

„So eine Brille – ziemlich positiv und vielleicht etwas rosa-rot.“

Der Optiker sah über AMOS hinweg auf die Pfützen und die einschlagenden Tropfen im Wasserspiegel des Kanals.

„Brillen – ich lebe nun mal davon, Brillen zu verkaufen. Aber ein Schaf war noch nie hier.“

„Gefährliches Piratenschaf …“ korrigierte AMOS „ … und eine in positiv und rosa-rot.

„Kasse oder privat?“

„Ostfriese – ich bin Ostfriese, glaube ich wenigstens.“

Beide sagten eine Zeit lang nichts. Dann verschwand der Optiker wieder im Hinterzimmer, wo alsbald Geräusche auf eine Suchaktion schließen ließen. Als er wieder erschien hielt er ein breites Modell einer Hornbrille aus den Siebzigern ohne Gläser in die Höhe.

„Sie ist zwar nicht rosa-rot, aber unbedingt negativ ist sie auch nicht – aber dafür umsonst.“

Mit zwei spitzen Fingergriffen setzte er sie AMOS auf den Kopf, band ihm noch einmal die Augenklappe fest. Mild lächelnd leitete er die Verabschiedung ein und wies zum Ausgang.

„Moin, moin … und Tschüß!“

„Avalott – mäh!“

Der Regen war stärker geworden, aber diesmal machte er AMOS nichts aus, denn er merkte es nicht.

„Wo warst Du denn?“ Opa Herrmann blickte von der Zeitung auf, sah ihn an. „Und was trägst Du da auf der Nase?“

„Sie ist nicht unbedingt rosa-rot,“ erläuterte AMOS stolz, „aber dafür ist sie auch nicht unbedingt negativ.“

Sein Grinsen konnte Opa Hermann gut verbergen und AMOS schaute durch die nicht vorhandenen Brillengläser nach draußen.

„Es ist doch schön in Ostfriesland.“ murmelte das Piratenschaf, „Auch im November “.

Propaganda in Weener – Teil 2

Sonntag, 13. September 2009
von Mischar Jung

„Du, Opa Hermann? Wer ist denn der rote Mann?“

„Welcher rote Mann, AMOS?“ fragte Opa Hermann verwirrt. „Ich seh hier niemanden in rot. Was meinst Du?“

„Na den roten Mann da an der Laterne, an der wir gerade vorbeigefahren sind.“

Opa Hermann dämmerte langsam, was AMOS meinte. An dem fraglichen Mast hing das besagte Wahlplakat der SPD. „Meinst Du den Mann auf dem Wahlplakat?“

„Jo!“, bestätigte AMOS.

„Aber der ist doch nicht rot.“ erwiderte Opa Hermann, doch nach kurzer Überlegung sagte er: „Naja, in gewisser Weise schon. Rot ist die Farbe der SPD. Der junge Mann auf dem Plakat heißt Keno Borde und ist der SPD-Kandidat aus unserem Wahlkreis für die kommende Bundestagswahl. Er ist noch ziemlich jung, unter 30 glaube ich. Daher könnte man meinen, er sei noch nicht ganz rot. Etwas grün vielleicht, zumindest hinter den Ohren.“

Opa Hermann musste kichern und AMOS verstand nicht die Bohne. „Was ist denn ein Bundestag und warum will der den wählen?“

„DER Bundestag.“ antwortete Opa Hermann. „DER. Der Bundestag ist das Parlament der Bundesrepublik Deutschland und ist in Berlin. Dort vertreten etwa 600 Politiker aus allen Wahlkreisen Deutschlands das Volk, z.B. mich. Der Wahlkreis Unterems ist der Wahlkreis für Leer und das nördliche Emsland. Ganz grob gesagt hofft die SPD mit Keno Borde den Wahlkreis zu gewinnen, damit er in den Bundestag einziehen kann. Und um gewählt zu werden, muss er auf sich aufmerksam machen. Daher das Plakat.“

In AMOS belämmerten Schafsköpfchen begann sich alles zu drehen. Das war zu viel auf einmal. Er setzte sich zur Sicherheit hin, falls im schwindelig werden sollte. „Warum will er denn in den Bundestag einziehen? Hatt er denn kein eigenes Zuhause?“ Viele Fragen schossen AMOS durch den Kopf. Aber als verloren gegangenes Piratenschaf erschien ihm diese Frage als wichtigste von allen.

„Wenn er kein Zuhause hat, dann ist er bestimmt ganz arm dran. Du kannst ihm ja eine Ecke in Deiner Kate geben. Direkt neben dem Ofen. Dann muss er im Winter nicht frieren. Dann braucht er auch nicht so weit wegzuziehen. Und vor unserem Ofen kann er genauso gemütlich die Beide hochlegen und sich die Sohlen beheizen lassen. Das ist auch viel schöner als sich den Bundestag mit 600 anderen zu teilen.“ AMOS Herzchen pochte voller Solitarität, obwohl er ja ein gefährliches Piratenschaf und seine Augenklappe schwarz war.

„Gibt es denn im Bundestag überhaupt einen so großen Ofen?“ fragte AMOS.

Opa Hermann stiegen die Tränen in die Augen. AMOS die Regeln und Wirren der deutschen Politik zu erklären, konnte eine Lebensaufgabe werden. Er beschloß, das Thema zur Zufriedenheit seines wuscheligen Seeräubers zu beendet. Er würde ihn ein anderes mal aufklären.

„Nein, AMOS. Im Bundestag gibt es keinen Ofen. Trotzdem kann man dort sehr gut schlafen. Ich habe es mal im Fernsehen gesehen. Aber mach Dir keine Sorgen. Ein Zuhause hat der Keno Borde schon. Sogar eine Freundin. Genau wie Du mit Deiner Linda.“

Schweigen breitete sich im Anhänger aus. Nachdenklich rieb sich AMOS an seiner Augenklappe. Es juckte ein wenig darunter, weil er die Klappe schon eine ganze Weile auf dem rechten Auge trug. Es wurde Zeit, mal wieder das linke zu bedecken. Opa Hermann meinte zwar, dass er heute mit dem linken besser sehen sollte, aber AMOS hatte das Gefühl, dass er auf beiden gleich gut sehen konnte. Manchmal aber fand er es interessant, wie sich die Perspektiven änderten, abhängig vom verdeckten Auge.

„Keno ist aber ein komischer Name. Ich heiße ja AMOS, weil ich AM OStufer der Leda gefunden wurde. Wofür steht denn Keno? Wurde der auch irgendwo gefunden? Vielleicht auf dem Kleinen Eiland NOrderney? Höhöö!“

Der hagere alte Mann musste laut lachen. „Nein AMOS, der Name Keno ist ein alter ostfriesischer Häuptlingsname. Früher, vor etwa 650 Jahren, gab es einen Menschen namens Keno ‘der Erste’ tom Brok. Er war der Häuptling des Brookmerlandes. Das ist ungefähr beim heutigen Aurich.

AMOS war beeindruckt.

„Ist der Keno Borde denn der Häuptling von Weener?“ fragte er und Opa Hermann fiel fast vom Fahrrad.

Fortsetzung folgt.