AMOS und was Schafe so mitbekommen

von Rainer Dietrich

„Kannst Du mir die Augenklappe jetzt doch auf wieder zurück über das rechte Auge binden?“

Opa Herrmann legte knurrend die Zeitung beiseite. „Du weißt aber auch nicht, was Du willst. Erst links, dann rechts. Andere wären froh, wenn sie zwei gesunde Augen hätten.“

„Aber ich bin…“ AMOS rümpfte die Schafsnase „… ein gefährliches Piratenschaf!“

„Wissen wir doch.“, vollendete Opa Herrmann seufzend den Satz.

Das tat weh und AMOS wollte jetzt ganz lange nicht mehr mit ihm reden.

„Ein Fernseh-Team ist hier in der Region. Sie suchen ehrliche Szenen aus dem ostfriesischen Leben, die man dann in ganz Deutschland sehen kann. So schlecht ist das doch nicht. Oder möchtest Du nicht, dass da etwas Reklame für Deine Heimat gemacht wird?“

Und ob AMOS wollte. Schön, dass diese Leute das überhaupt vor hatten. So vergaß er schnell, dass er eigentlich beleidigt war und bat Opa Herrmann, die Augenklappe dann doch noch schnell auf die nun wieder andere Seite festzubinden.

Als er die Landstraße entlang lief, überlegte er sich auch schon einen tollen Text – falls er überhaupt auf das Fernseh-Team treffen sollte. Halblaut sprach er ihn vor sich her und versuchte, so wenig „mäh“ wie möglich dabei zu sagen. Einige Autos blinkten, streckten fünf Finger aus dem geöffneten Wagenfenster und AMOS grüßte mit einem kräftigen „Avalott – Mäh!“.

Vielleicht meinten sie ja nicht die anderen, ihnen wiederum entgegen kommenden Autos, sondern sie meinten ihn, das gefährliche Piratenschaf? Egal. AMOS hatte gute Laune und trippelte beschwingt weiter in Richtung des nächsten Ortes.

Dicht hinter dem Stamm eines Baumes entdeckte er plötzlich eine Kamera, die auf die Straße gerichtet war. Das dazu gehörige Team saß, etwas dahinter versteckt, in einem dunklen PKW. Sicher hatten sie Pause, denn sie sprachen in irgendetwas hinein – wahrscheinlich in ihr Frühstück.

Nachdem er tief Luft geholt hatte, stellte er sich vor das frei stehende Gerät und hob die Stimme: „Ich bin AMOS, ein gefährliches Piratenschaf und suche meine lieben Piratenfreunde. Wenn Ihr sie gesehen habt, so sagt bitte ganz schnell mir oder Opa Hermann bescheid, der mir das dann sagt. Er fährt mich dann auf seinem Fahrrad-Anhänger ganz schnell dort hin.“

Puh, das war schon mal geschafft und nun legte sich etwas seien Nervösität. „Aber Ihr wollt etwas über Ostfriesland hören, glaube ich mal. Opa Herrmann sagt immer, es sei der ideale Platz, um sich vor der Welt zu verstecken.“ Jetzt machte er eine kleine Verschnaufpause. Im dunklen Wagen bekam man das erst gar nicht mit.

Die Stimme über Funk fluchte: „Schon drei absolut zu schnell. Was macht Ihr denn da. Seid Ihr eingeschlafen? Die hatten mindestens zwanzig zu viel!“

„Es ist nur so, dass wir nicht viel Show in unserer Landschaft gewohnt sind.“ Fuhr AMOS fort. Hier lernt man erst mal zu spüren, was Ruhe sein kann – oder hat man Ihnen etwa etwas anderes über Ostfriesland erzählt?“

„Scheiße auch,“ murmelte der Hauptwachtmeister,“ das glaubt keine Sau. Guck mal, da steht ein Schaf davor und glotzt in die Linse. Es hat etwas schwarzes am Kopf.“

„Ich muss es ja wissen,“ AMOS versuchte, streng zu sprechen. „Ich bin nämlich Ostfriese – glaube ich jedenfalls. Und schönen Gruß an alle, die das hier sehen.“

„Bist Du vielleicht bald mal weg, du blödes Vieh? Fünf Raser sind uns durch die Lappen gegangen.“ Wütend rollte der Oberwachtmeister mit den Augen und AMOS zuckte zusammen. Er war ja noch nicht einmal dazu gekommen, sein Avalott-Mäh zu sagen. Diesmal war er aber wirklich sehr beleidigt und trottete heim.

„Und wo warst Du denn jetzt schon wieder?“, wollte Opa Hermann wissen.

„Das Fernseh-Team wollte gar nicht wissen, wie es in Ostfriesland wirklich ist,“ jammerte AMOS und verzog sich unter einer Decke.
„Dann muss man sich auch nicht wundern, wenn es weiter Ostfriesenwitze gibt.“

Kategorie: Geschichten
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Veröffentlicht durch: Mischar Jung um 21:52 Uhr

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