Propaganda in Weener – Teil 1

von Mischar Jung

„AMOS!“, rief Opa Hermann. „Heute möchte ich Dir mal zeigen, wie sich die Menschen verbiegen können. Ich setze Dir noch schnell Deine Augenklappe auf das rechte Auge, damit Du auf dem linken gut sehen kannst.“

„Warum das Linke?“ fragte AMOS den aufgedrehten Opa.

„Das wirst Du schon noch sehen. Geduld ist eine Tugend, mein lieber Piratenfreund.“

Von Tugenden verstand AMOS nicht viel. Er musste an seine lieben Piratenfreunde denken, wie sie johlend und gröhlend auf der Cara Mia die Ems auf und ab schipperten. Im Grunde waren sie alle von Grund auf ehrenwerte Piraten, taten aber aus Imagegründen immer ganz unflätig. Piraten eben.

Der unflätigste von allen war der lahme Wübbo. Er war der Smutje auf dem Kahn und hatte zwei Klumpfüße. Wegen seiner Klumpfüße war es für den lahmen Wübbo zu gefährlich an Deck und im Lagerraum war er ebenso wenig zu gebrauchen. Daher blieb Captain Hornblewer nichts anderes übrig als den unflätigen Kauz in die Kombüse zu schicken. Wübbos Rezepte waren legendär-gefürchtet ob der gewagten Zutaten.

Keiner der lieben Piraten wagte es, auch nur die leiseste Kritik an seiner blubbernden Linsensuppe kund zu tun. Immer wenn AMOS die Linsensuppe gegessen hatte,  mussten die Piraten einen Extra-Stopp am Deich einlegen. Wegen der akuten Explosionsgefahr mussten alle Kerzen an Deck gelöscht werden, sagten Sie und schickten AMOS für eine halbe Stunde ins Gras.

Er verstand nicht wirklich, warum. Zur Wiedergutmachung belohnten Sie ihn jedesmal mit einer extragroßen Portion Piratenkakao. Für Kakao war AMOS immer zu haben, daher nahm er ihnen das auch nie übel.

Opa Hermann spannte den Anhänger für AMOS an das Fahrrad und sie machten sich auf in die ostfriesische Landschaft südlich der Ems.

„Wohin fahren wir denn?“ fragte AMOS und streckte seine schwarze Schafsnase in den Wind. Sein linkes Auge blinzelte ein wenig wegen des Fahrtwindes, denn Opa Hermann hatte heute einen kräftigen Tritt in den Pedalen.

„Wir fahren nach Weener zum Wochen-Markt, mein Kleiner.“

AMOS spitzte seine flapsigen Ohren. „Zum Wochen-Markt? Was ist das denn für ein Markt? Und warum dauert der eine ganze Woche?“ fragte er Opa Hermann in all seiner gesammelten Belämmerung. „Wir haben vergessen, genügend Kakao mit zu nehmen. Was soll ich denn trinken? Deine Jacke hast Du auch nicht mitgenommen. Wenn das Wetter umschlägt, erkältest Du Dich noch und musst den ganzen Tag in Deiner Kate hocken. Jupp wird auch nicht begeistert sein, weil er dann auch nichts zu futtern bekommt.“

AMOS schnappte aufgeregt nach Luft und stieß ein leicht panisches Mäh in die Umwelt.

„Um Himmels Willen AMOS,“ prustete Opa Hermann, kurz vor dem Lachkrampf. Er wollte sich schon mit beiden Händen an die Stirn fassen, besann sich aus Sicherheitsgründen jedoch eines Besseren.

„Wochen-Markt bedeutet, dass der Markt einmal in der Woche stattfindet, Dummerchen.“

„Achso“, sagte AMOS beruhigt und rieb sich mit dem rechten Huf seine juckende Nase. „Dann brauchst Du auch keine Jacke. Das Wetter ist ja schön.“

AMOS blöckte ein kräftiges Avalott-Mäh in den kurzfristigen Gegenverkehr, einer Dreiergruppe von etwa 14 bis 15-jährigen Mädchen auf diesen typischen Hollandrädern. Durch die hohe Sitzposition und die ungewöhnliche Stellung des Lenkers erschienen Sie ihm irgendwie hochnäsig.

Als Opa Hermann den jungen Damen noch ein freundlich-elegantes Moin zuwarf, glotzten die jungen Dinger nur blöd und schienen sich zu wundern, warum der alte Mann ein Schaf auf dem Anhänger spazieren fuhr.

Eines der Mädchen rief ihren Begleiterinnen etwas zu und lachte überheblich. „Ey krass! Das Schaf hat ja sowas wie ‘ne Brille als Hut. Voll abgefahren!“

AMOS verstand kein Wort. Was denn für ein Hut… und natürlich waren sie abgefahren. Schon vor 20 Minuten.

AMOS drehte sich um und rief ihnen hinterher. „Ich bin AMOS, ein gefährliches Piratenschaf. Und Ostfriese. Habt ihr vielleicht meine lieben…“, aber da waren sie schon kichernd weitergefahren.

Er schnaufte ein wenig wütend, rümpfte seine schwarze Piratennase zu einem Schmollmund und drehte sich wieder nach vorne. Opa Hermann trat unbeeindruckt tapfer in die Pedale. Er war heute irgendwie stramm drauf. AMOS hockte sich hin und blöckte: „Opa Hermann? Wann sind wir denn da?“

Der drahtige Mann rollte ein wenig mit den Augen, als AMOS die am meisten gefürchtete Frage unter den Reisenden stellte. Generationen wurden in der Vergangenheit bis heute durch diese Frage nahezu in den Wahnsinn getrieben.

In diesem Moment radelten sie an einem dieser vielen bunten Plakate vorbei, die alle paar Jahre an den Laternen der Straßen und Radwege angebracht waren. Dieses hier war rot und zeigte einen ziemlich jungen Mann mit einer Frisur, die entweder jugendlich war oder so wirken sollte. Opa Hermann musste ein wenig schmunzeln. Das Konterfei auf dem Plakat blickte mit einem gequälten Lächeln auf das illustre Duo. Herr Borde hieß der Jüngling. Keno Borde. SPD stand auch noch drauf.

„Nur noch ein paar Minuten, mein kleiner Pirat. Nur noch ein paar.“ grinste Opa Hermann.

Fortsetzung folgt.

Kategorie: Zeitspiegel

Veröffentlicht durch: Administrator um 20:20 Uhr

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