AMOS und die Sicht der Dinge

von Rainer Dietrich

AMOS lauschte dem monotonen Rhythmus der auf die Fensterbank herabfallenden Regentropfen und drückte seine Schafsnase an der Scheibe platt. Draußen fehlten die Kühe auf der Weide und bald würde es noch kälter werden. Dann würde er den roten Schal wieder tragen – bestimmt … oder eben auch nicht, seufzte er in sein Fell.

„Opa Herrmann?“

Der angesprochene blickte von der Zeitung hoch und über die Lesebrille hinweg.

„Opa Herrmann, warum ist denn alles hier so traurig?“

Die Zeitung wurde zusammen gefaltet und die Brille obenauf gelegt. Mit leichtem Streicheln über den Kopf hatte AMOS sich immer schnell beruhigt. „Es ist November, kleiner Freund, November in Jever, in Aurich, in Leer und auch hier. Da sieht es eben überall so aus. Aber Du musst Ostfriesland halt durch eine positive Brille sehen – ein bisschen rosa-rot wäre dabei nicht schlecht.“

AMOS blickte ungläubig hoch, aber er hatte gut zugehört und sich alles gemerkt. Seine Bedrückung lag also an einer Brille?

Opa Herrmann schlief noch, als AMOS die Landstraße herunter trottete. Eigentlich hätte die Augenklappe jetzt auf das andere Auge gemusst, aber das war ihm egal.

Endlich am Kanal angekommen sah er das, was er suchte. Ein ganzes Schaufenster voller Brillen. Schnell schüttelte er noch mal die Wassertropfen aus seinem Fell und dann trat er durch die halboffene Tür, worauf ein Gong ihn erschreckte. Aus einem Hinterzimmer erschien ein hoch gewachsener Mittdreißiger, der im Schwung inne hielt und mit zwei Fingern seine italienische Designerbrille wieder in Form brachte.

Leicht erhaben und säuerlich murmelte er ein „Moin, moin.“

„Ich bin AMOS, ein gefährliches Piratenschaf und auf der Suche nach meinen lieben Piratenfreunden.“

„Soso,“ hüstelte der Optikermeister – „und jetzt auf der Suche nach einem Monokel?“

AMOS wusste nicht, was ein Monokel war, freute sich aber, dass man ihn in etwa verstand.

„So eine Brille – ziemlich positiv und vielleicht etwas rosa-rot.“

Der Optiker sah über AMOS hinweg auf die Pfützen und die einschlagenden Tropfen im Wasserspiegel des Kanals.

„Brillen – ich lebe nun mal davon, Brillen zu verkaufen. Aber ein Schaf war noch nie hier.“

„Gefährliches Piratenschaf …“ korrigierte AMOS „ … und eine in positiv und rosa-rot.

„Kasse oder privat?“

„Ostfriese – ich bin Ostfriese, glaube ich wenigstens.“

Beide sagten eine Zeit lang nichts. Dann verschwand der Optiker wieder im Hinterzimmer, wo alsbald Geräusche auf eine Suchaktion schließen ließen. Als er wieder erschien hielt er ein breites Modell einer Hornbrille aus den Siebzigern ohne Gläser in die Höhe.

„Sie ist zwar nicht rosa-rot, aber unbedingt negativ ist sie auch nicht – aber dafür umsonst.“

Mit zwei spitzen Fingergriffen setzte er sie AMOS auf den Kopf, band ihm noch einmal die Augenklappe fest. Mild lächelnd leitete er die Verabschiedung ein und wies zum Ausgang.

„Moin, moin … und Tschüß!“

„Avalott – mäh!“

Der Regen war stärker geworden, aber diesmal machte er AMOS nichts aus, denn er merkte es nicht.

„Wo warst Du denn?“ Opa Herrmann blickte von der Zeitung auf, sah ihn an. „Und was trägst Du da auf der Nase?“

„Sie ist nicht unbedingt rosa-rot,“ erläuterte AMOS stolz, „aber dafür ist sie auch nicht unbedingt negativ.“

Sein Grinsen konnte Opa Hermann gut verbergen und AMOS schaute durch die nicht vorhandenen Brillengläser nach draußen.

„Es ist doch schön in Ostfriesland.“ murmelte das Piratenschaf, „Auch im November “.

Kategorie: Geschichten
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Veröffentlicht durch: Mischar Jung um 13:57 Uhr

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