Archiv für November 2009

AMOS und der geile Heinz

Sonntag, 29. November 2009
von Ernst-Caspar

„Hallo, ist hier jemand? Ich suche den geilen Heinz!“

Wie vom Schlag getroffen, zuckte die ältere Dame zuckte zusammen und ihr Gesangbuch fiel herab auf den gepflasterten Parkplatz des Einkaufszentrums.

„Der geile Heinz! Wo ist er?“

Nachdem die Blässe einer Gesichtsrötung gewichen war, nahm sie allen Mut zusammen: „Aber so etwas sagt und fragt man doch nicht!“

Nun erst hob sie den Kopf und wagte den Fremden anzuschauen. Es war ein jüngerer ungepflegter Mann mittlerer Größe, bekleidet mit geflickten und befleckten Kleidungsstücken, wie man sie aus dem Theater her kennt, wenn halt ein historisches Stück als Gastspiel läuft. Auffallend waren seine beiden schwarzen Augenklappen unter den verklebten Haarsträhnen. Er sah seltsam aus und so konnte er auch bestimmt nichts mehr sehen.

„Ist er hier? Der geile Heinz?“, flüsterte der Fremde mit den Armen rudernd, so dass die sich nach dem Gesangbuch bückende Dame vorsehen musste. Es war schockierend, aber offensichtlich war der Mann nicht von hier.

„Unser neuer Vikar heißt Heinz mit Vornamen,“ näselte sie hocherregt und mit erhobener Stimme, “aber der wird es wohl kaum sein, Gott behüte!“

Irgendwie hakte sie sich dann doch bei ihm unter und die beiden schlichen gebückt in Richtung Pfarrhaus. Vom Fenster aus sah Heinz Mehrmann, Zugereister und Vikar im zweiten Jahr, die beiden Ankömmlinge und öffnete mit milder Geste die Türe, sah schnell die Sehbehinderung.

Die ältere Dame schilderte hastig die Begegnung, worauf Heinz Mehrmann mit gefalteten Händen interessiert den Kopf seitlich zu ihnen neigte. „Und Du, mein Sohn, suchst nun inneren Halt.“

„Bist Du der geile Heinz?“

An der Tischkante suchte der so gefragte Halt und ein Schauer lief ihm über den Rücken. Nun steckt in jedem Menschen ein Mensch, wie zwar die Bibel weiß, die Theologie aber nicht gern hört. Was kam da auf ihn zu? Er musste sich konzentrieren. Nun kam es auf jedes Wort an.

Mit flehenden Augen fixierte er den Fremden.

„Ich bin Heinz Mehrmann, der Vikar. Und bitte wer hat was erzählt?“

„Alle reden darüber. Alle. Nun möchte ich es auch mal erfahren.“

Mit erstickter Stimme rang der fromme Mann nach Worten. „Und wer bist Du? Wo kommst Du her? Wie kommst Du auf mich?“

“Ich bin der blinde Onnen, einer der lieben Piraten und suche Captein Hornblewer und den Clipper Cara Mia. Nur ist im Augenblick so viel Stress wegen der sechzehn Kisten Darjeeling-Tee, die nicht an Land dürfen und die großen Tee-Handelshäuser haben sich auch nie gemeldet. Und dann suche ich natürlich auch noch unseren kleinen AMOS, der ein gefährliches Piratenschaf ist.“

Der Vikar hatte seine Fassung wieder gewonnen und eine strenge Haltung der Autorität angenommen. Ein leichtes Klappern an der Türe verriet, dass die ältere Dame leise geflohen war.

„Immerhin liebst du das Alte Testament und der Prophet AMOS wird Dich auf Deinen rechten Weg weisen, auch wenn Du hier und jetzt etwas verirrt und verwirrt bist.“

Onnen jammerte und erzählte noch einmal von den sechzehn Kisten Darjeeling-Tee, die nun heimlich ins Hafenbecken geworfen werden müssten und der Suche nach AMOS, der ihnen im Mastkorb fehle. Heinz Meermann hatte mit gerunzelter Stirn zugehört. Ihn überkam der rettende Einfall und er griff zum Telefon, wählte die Nummer der Gemeindeverwaltung. Alle seien auf dem Weg zu einer Gewerkschaftsveranstaltung, erfuhr er, aber einen Anruf aus dem Pfarrhaus musste man ja schließlich durchstellen. Beflissen meldete sich die Abteilung Fundamt und fragte, ob es eine Brille oder ein Schlüsselbund sei. Handys würden allerdings nie abgegeben.

„Schlimmer!“ stöhnte Vikar Mehrmann.

„Doch wohl nicht eine verirrte Kuh?“, scherzte der Beamte.

„Das beste ist, wir kommen mal vorbei.“

„Mit beseelten Schritten gingen die beiden die kurze Entfernung zur Gemeindeverwaltung. Respektvoll machten die dort tätigen Platz auf ihrem Weg zur Versammlung. Im Fundbüro angekommen sank der Leiter in seinen abgewetzten Sessel.

„Eine Fundsache der besonderen Art. Seit langem mal wieder eine Verwegenheits-Erlebnis in diesen bedächtigen Mauern“, stöhnte er. „Ist der vom Wanderzirkus?“

„Ich bin ein lieber Pirat und suche Captein Hornblewer und natürlich AMOS.“ Onnen ruderte mit seinen Armen ins Leere und wandte den Kopf in eine Richtung, wo niemand war.

„Aber auf jeden Fall ist er etwas bibelfest,“ lobte der Vikar.

Dann zog Onnen einen Zettel aus der Tasche, worauf einige Ziffern gekritzelt waren. „Das ist die Telefonnummer von Opa Herrmann. Der ist immer sehr schlau.“

„Aha! Dein Opa? Die Schlauheit hast Du aber nicht von ihm geerbt“ stellte der Beamte fest. Schnell überlegte er, wie er denn die Kosten des Anrufes belegen und verrechnen könnte – notfalls mit einem Antrag zu EU-Mitteln. So überhörte er auch, dass Onnen protestierte, dass Opa Hermann einfach nur so heiße, aber wirklich mehr wusste als z.B. Captein Hornblewer, was ja eigentlich nicht schwer war.

Opa Hermann war nicht minder erstaunt, als sich das Fundamt meldete und schaute aus dem Fenster der Kate, ob er AMOS draußen irgendwo sah.

„Onnen ist zwar ein lieber Pirat, aber er ist nicht blind und hat – wie alle – zwei gute Augen“ erklärte er. „Alle lieben Piratenfreunde tragen eine Augenklappe, auch der kleine AMOS. Onnen hat aber noch eine für Sonn- und Feiertags. Die trägt er dann auch noch auf dem anderen Auge, weil er meint, dann noch piratiger auszusehen. Aber so kann er dann rein gar nichts mehr sehen und er zappelt blind durch die Gegend.“

Die beiden Männer sahen sich an. Die Gewerkschaftsversammlung hatte wohl schon begonnen und der Vikar sah auf die Uhr.

„Wenn das die Presse erfährt, mich als den geilen Heinz zu enttarnen. Ein Pirat im Fundamt …“ murmelte der Vikar uns schlug mit der Hand auf die Telefongabel als Opa Hermann gerade nach AMOS rufen wollte. „Das beste ist, wir bringen ihn zum Deich. Da findet er sich wieder zurecht. Hoffentlich!“

Onnen wurde auf eine alte Decke in dem gemeindeeigenen Wagen gesetzt und man nahm den kürzesten Weg zur Küste. Behutsam half man ihm auf die Deichkrone, nahm ihm aber noch eine seiner beiden Augenklappen ab, damit er nicht ins Watt fiel.

„Und meine besten Empfehlungen an Captein Hornblewer, auf das er die sechzehn Kisten irgendwie los wird – aber gesetzlich korrekt,“ ermahnte der Beamte und der Vikar schüttelte nur noch den Kopf, dass sein kleines Geheimnis die große Runde gemacht hatte.

Onnen schien das mitbekommen zu haben und rief ein letztes mal: “Heinz ist geil!“ den Deich herab.

Der Beamte blickte erschrocken noch einmal zurück. „Wie war das? Das heißt doch anders, nämlich „GEIZ ist geil“ und es ist der Schlachtruf, der den Mittelständischen Einzelhandel kaputt macht. Mein Schwager hat doch schon Insolvenz angemeldet. Du solltest Dich aber mal was schämen!“

AMOS und das schafische Woodstock

Sonntag, 22. November 2009
von Rainer Dietrich nach einer Idee von Mischar Jung

„Was ist denn bloß los mit dir, AMOS? Du hampelst ja so auf der Küchenbank dass du schon beinahe zwei Mal deinen Kakao umgekippt hättest.“

„Opa Hermann, wann fahren wir denn mal nach Woodstock?“

„Bitte was? Das liegt doch in Amerika – im Staate New York. Ach so, du kommst wohl darauf, weil dort vor vierzig Jahren dieses wundervolle Musik-Festival war. Man hatte es zuvor nicht geglaubt, aber es veränderte die Einstellungen der jungen Leute und die Kultur der Welt. Viele Stars, die da auftraten, wurden anschließend weltberühmt, sogar bis heute. Ach ja – Woodstock. Das waren noch Zeiten. Und die CIA, das schreibt man C-I-A, drehte förmlich ab. Da sieht es übrigens so aus wie in Ostfriesland – nur eben nicht so flach.“

Das gefährliche Piratenschaf blickte den in schönen Erinnerungen versunkenen Freund verständnisvoll an.

„Und wenn wir so etwas auch mal – nur für Schafe und sehr piratig – hier veranstalten würden? Das wäre doch die Sensation und alle würden auf unser schönes Ostfriesland gucken.“

Opa Hermann lachte und band AMOS die Augenklappe auf die andere Seite.

„Schau mal, diese gute Idee hatten auch schon andere, aber die Landwirte protestierten dagegen, weil sie meinten, die Kühe würden Schaden nehmen.“

„Ach was, die feiern einfach mit. Sie sind zwar immer etwas langweilig, aber wir nehmen sie einfach mit ins Boot. Das sollte das Problem nicht sein und ich bin sicher, dass sie viel Spaß daran haben werden. Aber eins habe ich immer noch nicht ganz verstanden…“

Der alte Bergmann beugte sich über seinen gefährlichen kleinen Freund.

„Und was, AMOS?“

„Na – warum C & A denn so dagegen war?“

AMOS und Erinnerungen an Gert Haucke

Sonntag, 22. November 2009
von Inge Dietrich

„Opa Hermann, erzähle mir bitte eine Geschichte.“

Der väterliche Freund hockte sich neben dem zusammen gekuschelten Piratenschaf und kraulte es im Nacken, woraufhin es genussvoll die Augen schloss.

„Die Inge kannte doch den Gert Haucke sehr gut, der dich übrigens auch sehr gern mochte, nun aber leider im Himmel lebt. Ihr erzählte er einmal folgende Geschichte:

Auf der Bühne und im Fernsehen musste er ab und an Anzüge und eine Krawatte tragen, was er als privater Mensch hasste. Dementsprechend sah er eben im Freizeitbereich ganz anders aus, so dass man ihn oft nicht erkannte, was sicher auch eine Absicht war.

Irgendwann beschloss seine Mutter, die auch nicht unbedingt arm gewesen sein musste, ihm zu Weihnachten eine Krawatte zu schenken – ungeachtet, ob er das auch so wünschte. Sie ging also in einen Herren-Ausstatter und sah sich die Kollektion an, die pro Stück achtzig D-Mark kosteten und erschrak sichtlich. ‘Sie brauchen ja nicht kaufen, gnädige Frau,’ bemerkte der smarte Verkäufer. ‘Nein – ich will ja, nur kann ich mich nicht zwischen den beiden entscheiden’

Im Endeffekt kaufte sie beide, legte aber unter zumindest gespielten großen Schmerzen jede Mark einzeln neben die Kasse.

Gert Haucke hatte nun die Aufgabe, sich zu freuen und als er und seine Frau zu Weihnachten eingeladen wurden, überwand er sich und trug eine der zwei, was die Mutter auch sofort registrierte.

Freudig begrüßte sie mit den Worten: ‘Ach – die andere Krawatte mochtest du wohl nicht?!’”

Opa Hermann musste selbst lachen, aber dieses leise, denn AMOS, den Gert Haucke wirklich gern gemocht hatte, schlummerte mit gleichmäßiger Atmung.