AMOS und der geile Heinz

von Ernst-Caspar

„Hallo, ist hier jemand? Ich suche den geilen Heinz!“

Wie vom Schlag getroffen, zuckte die ältere Dame zuckte zusammen und ihr Gesangbuch fiel herab auf den gepflasterten Parkplatz des Einkaufszentrums.

„Der geile Heinz! Wo ist er?“

Nachdem die Blässe einer Gesichtsrötung gewichen war, nahm sie allen Mut zusammen: „Aber so etwas sagt und fragt man doch nicht!“

Nun erst hob sie den Kopf und wagte den Fremden anzuschauen. Es war ein jüngerer ungepflegter Mann mittlerer Größe, bekleidet mit geflickten und befleckten Kleidungsstücken, wie man sie aus dem Theater her kennt, wenn halt ein historisches Stück als Gastspiel läuft. Auffallend waren seine beiden schwarzen Augenklappen unter den verklebten Haarsträhnen. Er sah seltsam aus und so konnte er auch bestimmt nichts mehr sehen.

„Ist er hier? Der geile Heinz?“, flüsterte der Fremde mit den Armen rudernd, so dass die sich nach dem Gesangbuch bückende Dame vorsehen musste. Es war schockierend, aber offensichtlich war der Mann nicht von hier.

„Unser neuer Vikar heißt Heinz mit Vornamen,“ näselte sie hocherregt und mit erhobener Stimme, “aber der wird es wohl kaum sein, Gott behüte!“

Irgendwie hakte sie sich dann doch bei ihm unter und die beiden schlichen gebückt in Richtung Pfarrhaus. Vom Fenster aus sah Heinz Mehrmann, Zugereister und Vikar im zweiten Jahr, die beiden Ankömmlinge und öffnete mit milder Geste die Türe, sah schnell die Sehbehinderung.

Die ältere Dame schilderte hastig die Begegnung, worauf Heinz Mehrmann mit gefalteten Händen interessiert den Kopf seitlich zu ihnen neigte. „Und Du, mein Sohn, suchst nun inneren Halt.“

„Bist Du der geile Heinz?“

An der Tischkante suchte der so gefragte Halt und ein Schauer lief ihm über den Rücken. Nun steckt in jedem Menschen ein Mensch, wie zwar die Bibel weiß, die Theologie aber nicht gern hört. Was kam da auf ihn zu? Er musste sich konzentrieren. Nun kam es auf jedes Wort an.

Mit flehenden Augen fixierte er den Fremden.

„Ich bin Heinz Mehrmann, der Vikar. Und bitte wer hat was erzählt?“

„Alle reden darüber. Alle. Nun möchte ich es auch mal erfahren.“

Mit erstickter Stimme rang der fromme Mann nach Worten. „Und wer bist Du? Wo kommst Du her? Wie kommst Du auf mich?“

“Ich bin der blinde Onnen, einer der lieben Piraten und suche Captein Hornblewer und den Clipper Cara Mia. Nur ist im Augenblick so viel Stress wegen der sechzehn Kisten Darjeeling-Tee, die nicht an Land dürfen und die großen Tee-Handelshäuser haben sich auch nie gemeldet. Und dann suche ich natürlich auch noch unseren kleinen AMOS, der ein gefährliches Piratenschaf ist.“

Der Vikar hatte seine Fassung wieder gewonnen und eine strenge Haltung der Autorität angenommen. Ein leichtes Klappern an der Türe verriet, dass die ältere Dame leise geflohen war.

„Immerhin liebst du das Alte Testament und der Prophet AMOS wird Dich auf Deinen rechten Weg weisen, auch wenn Du hier und jetzt etwas verirrt und verwirrt bist.“

Onnen jammerte und erzählte noch einmal von den sechzehn Kisten Darjeeling-Tee, die nun heimlich ins Hafenbecken geworfen werden müssten und der Suche nach AMOS, der ihnen im Mastkorb fehle. Heinz Meermann hatte mit gerunzelter Stirn zugehört. Ihn überkam der rettende Einfall und er griff zum Telefon, wählte die Nummer der Gemeindeverwaltung. Alle seien auf dem Weg zu einer Gewerkschaftsveranstaltung, erfuhr er, aber einen Anruf aus dem Pfarrhaus musste man ja schließlich durchstellen. Beflissen meldete sich die Abteilung Fundamt und fragte, ob es eine Brille oder ein Schlüsselbund sei. Handys würden allerdings nie abgegeben.

„Schlimmer!“ stöhnte Vikar Mehrmann.

„Doch wohl nicht eine verirrte Kuh?“, scherzte der Beamte.

„Das beste ist, wir kommen mal vorbei.“

„Mit beseelten Schritten gingen die beiden die kurze Entfernung zur Gemeindeverwaltung. Respektvoll machten die dort tätigen Platz auf ihrem Weg zur Versammlung. Im Fundbüro angekommen sank der Leiter in seinen abgewetzten Sessel.

„Eine Fundsache der besonderen Art. Seit langem mal wieder eine Verwegenheits-Erlebnis in diesen bedächtigen Mauern“, stöhnte er. „Ist der vom Wanderzirkus?“

„Ich bin ein lieber Pirat und suche Captein Hornblewer und natürlich AMOS.“ Onnen ruderte mit seinen Armen ins Leere und wandte den Kopf in eine Richtung, wo niemand war.

„Aber auf jeden Fall ist er etwas bibelfest,“ lobte der Vikar.

Dann zog Onnen einen Zettel aus der Tasche, worauf einige Ziffern gekritzelt waren. „Das ist die Telefonnummer von Opa Herrmann. Der ist immer sehr schlau.“

„Aha! Dein Opa? Die Schlauheit hast Du aber nicht von ihm geerbt“ stellte der Beamte fest. Schnell überlegte er, wie er denn die Kosten des Anrufes belegen und verrechnen könnte – notfalls mit einem Antrag zu EU-Mitteln. So überhörte er auch, dass Onnen protestierte, dass Opa Hermann einfach nur so heiße, aber wirklich mehr wusste als z.B. Captein Hornblewer, was ja eigentlich nicht schwer war.

Opa Hermann war nicht minder erstaunt, als sich das Fundamt meldete und schaute aus dem Fenster der Kate, ob er AMOS draußen irgendwo sah.

„Onnen ist zwar ein lieber Pirat, aber er ist nicht blind und hat – wie alle – zwei gute Augen“ erklärte er. „Alle lieben Piratenfreunde tragen eine Augenklappe, auch der kleine AMOS. Onnen hat aber noch eine für Sonn- und Feiertags. Die trägt er dann auch noch auf dem anderen Auge, weil er meint, dann noch piratiger auszusehen. Aber so kann er dann rein gar nichts mehr sehen und er zappelt blind durch die Gegend.“

Die beiden Männer sahen sich an. Die Gewerkschaftsversammlung hatte wohl schon begonnen und der Vikar sah auf die Uhr.

„Wenn das die Presse erfährt, mich als den geilen Heinz zu enttarnen. Ein Pirat im Fundamt …“ murmelte der Vikar uns schlug mit der Hand auf die Telefongabel als Opa Hermann gerade nach AMOS rufen wollte. „Das beste ist, wir bringen ihn zum Deich. Da findet er sich wieder zurecht. Hoffentlich!“

Onnen wurde auf eine alte Decke in dem gemeindeeigenen Wagen gesetzt und man nahm den kürzesten Weg zur Küste. Behutsam half man ihm auf die Deichkrone, nahm ihm aber noch eine seiner beiden Augenklappen ab, damit er nicht ins Watt fiel.

„Und meine besten Empfehlungen an Captein Hornblewer, auf das er die sechzehn Kisten irgendwie los wird – aber gesetzlich korrekt,“ ermahnte der Beamte und der Vikar schüttelte nur noch den Kopf, dass sein kleines Geheimnis die große Runde gemacht hatte.

Onnen schien das mitbekommen zu haben und rief ein letztes mal: “Heinz ist geil!“ den Deich herab.

Der Beamte blickte erschrocken noch einmal zurück. „Wie war das? Das heißt doch anders, nämlich „GEIZ ist geil“ und es ist der Schlachtruf, der den Mittelständischen Einzelhandel kaputt macht. Mein Schwager hat doch schon Insolvenz angemeldet. Du solltest Dich aber mal was schämen!“

Kategorie: Geschichten

Veröffentlicht durch: Mischar Jung um 10:45 Uhr

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