Archiv für Januar 2010

AMOS und ein sehr schwarzer Tag

Sonntag, 31. Januar 2010
von Per Inradi

Nichts.

Auch in der hinteren Ecke des Gartens zeigte sich nicht das kleinste Vögelchen. Mag es am Klepper-Regenmantel-Grau des Himmels gelegen haben? Die sonst so freundliche Natur schien den Atem anzuhalten.

Opa Hermann ging vom Fenster weg und hockte sich neben das gefährliche Piratenschaf, dass mit geschlossenen Äuglein bibberte.

„Es wird uns einholen und wir haben nie so sachlich darüber gesprochen. Aber es bringt nichts, wenn wir es schön reden.“

AMOS rieb seine Seite ans Tischbein, weil schwere Anspannung  im Raum lag. Die groben Hände des väterlichen Freundes versuchten zu streicheln, was aber nur wie ein Abtasten gelang. Nach den richtigen Worten ringend nahm er das Köpfchen des erschrocken dreinblickenden AMOS in beide Handflächen und schaute bedächtig herab.

„Irgendwann ist man unschuldiges Lämmchen. Das Schicksal wollte, dass Du ein gefährliches Piratenschaf wurdest und die Zeit wechselt die Jahreszeiten. Alles ohne Rücksicht auf das, woran man sich so nett gewöhnt hat.

Auch das, mein kleiner Freund, gehört zum Leben und ich habe Dir immer gern deine Löckchen gekrault, Deine Augenklappe auf die andere Seite gebunden, Kakao serviert. Es nützt alles nichts. Bringen wir es hinter uns.“ Der alte Mann seufzte geqäult.

AMOS versuchte, stark zu stehen, was ihm sichtlich der schlotternden Beinchen schwer fiel. „Ich will es als gefährliches Piratenschaf ertragen aber nun sprich es einfach aus.“

Opa Hermann sah wieder aus dem Fenster.

„AMOS. Liebster AMOS.

Es kommt der Tag näher, an dem du geschoren werden musst. Jedoch habe ich dir bereits einen schönen weißen Troyer bei Leuchtfeuer bestellt. Das sind diese Seemannspullover mit dem Reißverschluss im Rollkragen.“

AMOS und die schlimme Merle

Sonntag, 31. Januar 2010
von Jolante Beek

„Was ist das da, was Du auf deinem Auge trägst?!“

Beide schauten sich abwartend an und AMOS musterte das kleine Mädchen mit dem etwas zu großen Mäntelchen und der weiten Wollmütze, die beinahe auf die Stubsnase stieß.

„Hast du Angst, dass es dir wegläuft oder gestohlen wird?“

„Eine Augenklappe.“, erklärte AMOS wissend lächelnd „Ich bin nämlich ein gefährliches Piratenschaf.“

Das Mädchen zuckte zusammen.

„Ach – du bist gefährlich?“

„Na – nicht so wirklich. Aber immerhin ziemlich. Ein lieber Pirat halt eben.“

„Wenn du aber nicht wirklich gefährlich bist und dein Auge nicht weg will, warum trägst du denn dann so ein Ding? Ich habe wenigstens eine große Mütze.“

„Ich weiß es auch nicht so genau, aber vielleicht sehe ich dadurch etwas piratiger aus?“

„Dann können wir doch Freunde sein oder so? Ich bin nämlich die schlimme Merle und eine noch schlimmere Räuberbraut.“

AMOS bot ihr einen Schluck Kakao an. „Und du bist ganz sicher, dass Du so ganz schlimm bist?“

Merle schlürfte. „Egal – jetzt sind wir ja Freunde!“

AMOS im Krimiland – Teil 5

Sonntag, 24. Januar 2010
von Inge Dietrich

Das Pilsken aus Duisburg-Beek schmeckte dem väterlichen Freund, als er fragte: „Sag mal AMOS – du recherchierst doch nach guten Krimigeschichten?“

Das gefährliche Piratenschaf nickte nur so, dass die ausgeborgte Lesebrille nicht von der Schafnase fiel.

„Dann habe ich etwas unter der Rubrik Das Böse im Keller für dich.“

Derlei brauchte man AMOS nicht zweimal zu sagen und er setzte sich artig auf die Küchenbank, spitzte erwartungsvoll die Öhrchen.

„Du weißt ja, dass in den Fünfziger Jahren alles ziemlich anders als heute war und ich recht ärmlich in einem vom Krieg beschädigten und geflickten Mietshaus aufwuchs?“

Ernsthaftes Nicken zeigte die Anspannung. Das hörte sich interessant an.

„Glaubst du denn nun an Geister, kleiner Freund?“

AMOS’ Gesichtsausdruck verriet seine Ratlosigkeit.

„Also damals riet man uns Kindern, dass wir um Gottes Willen niemals in den Keller gehen dürften. Dort verbreitete erst am Ende der steilen Treppe eine Petroleumlampe etwas Licht und alles roch nach Kohlenstaub und modrigen Kartoffeln. Wir hielten uns daran, denn dort sollte ja der schreckliche Bullemann hausen. Das reichte uns und wir hielten uns, trotz riesiger Neugierde zurück.

Die älteren Kinder prahlten damit, dass sie keine Angst vorm Bullemann hatten, doch einmal sah ich ihn wirklich, wie er, schwarz und gedrungen, aus dem Keller hastete und sich in eine der drei großen Zinkmülltonnen stürzte, den Deckel hinter sich zu schlug. Danach machte ich auch darum einen großen Bogen und sah auch nie wieder in eine Mülltonne.“

Opa Hermann nahm noch einen Schluck Bier und grinste, weil AMOS seine Kuscheldecke über den Kopf gezogen hatte.

„Was soll ich sagen. Natürlich gab es damals keinen Bullemann und man wollte nur, dass die Kinder nicht die steile Treppe herunter fielen. Und wenn man nunmal so ungestört war, dann konnte auch der Mann aus dem ersten Stock links dort ungestört seinen Schnaps brennen.“

Das gefährliche Piratenschaf verriet nur durch die rechte Hufspitze, dass es sich unter der Kuscheldecke verkrochen hatte und hauchte in höchster Erregung:

„Und der Bullemann war in Wirklichkeit dann in der Mülltonne?!“