AMOS und Opa Hermanns Kindheitserinnerungen – Teil I

von Per Inradi

„Opa Hermann?“ Das gefährliche Piratenschaf sah fragend über seinen Kakaobecher. „Opa Herrmann, warst du früher auch mal Kind?“

Lachend setzte dieser die Lesebrille ab. „Aber sicher doch – und auch so etwas ähnliches wie ein Pirat und dabei enorm gefährlich.“

AMOS nahm eine ganz konzentrierte Haltung an. „Erzähl doch bitte.“

Opa Hermann lehnte sich zurück und streichelte ihn übers Köpfchen.

„Wir hatte damals eine Kinderbande und regierten in einem verwilderten Park. Bewaffnet waren wir mit Holunderstöcken und alles war auch sonst richtig organisiert. Ich durfte sogar Chef sein und einmal bekam ich die traurige Nachricht, dass zwei unserer Späher urplötzlich gestorben seien, nachdem sie eine Schatztruhe gefunden hatten. Sofort rannten wir hin und da lagen sie neben einer grauen Kiste. Zwischen ihnen lag eine Flasche mit der Prägung eines Totenkopfes und zweier gekreuzter Knochen.

Alle zusammen trugen wir unsere toten Helden in Richtung der Wohnhäuser und immer mehr Kinder schlossen sich an. Spaziergänger informierten wir kurz, die sich dann auch der Prozession anschlossen. Weil es damals noch keine Fernseher gab, schauten viele Leute im Unterhemd und auf einem Sofakissen den ganzen Tag aus dem Fenster.

Was ist passiert? Die sind leider tot.

Dann rannte die Mutter des einen zu uns, riss die Küchenschürze ab und stürzte sich auf den leblosen Körper ihres kleinen Sohnes.

Plötzlich fingen beide Gefallenen an zu würgen und begannen sich zu übergeben. Ein Aufschrei ging durch die Menge, als sie ins Leben zurück kehrten. Zusammen mit dem Polizisten des Viertels und einigen Erwachsenen gingen wir noch einmal zur Fundstelle des Schatzes und die Erwachsenen lachten.

Natürlich hatten wir alle in der Radio-Kinderfunksendung Stevensons Schatzinsel gehört, aber die Flasche mit dem Totenkopf, die ganze Kiste hatte eine ganz andere Erklärung. Es war ein großer Verbandskasten aus dem Krieg und als die Kollegen an dem vermeintlichen Rum rochen, hatten sie einen tiefen Zug Äther eingeatmet.“

AMOS verstand nicht, hatte aber schon Tränchen der Rührung in den Augen.

Opa Hermann legte seinen Arm um ihn und erläuterte: „Also, wenn damals jemand so krank war, dass er operiert werden musste, also ganz ganz krank war“

Kategorie: Kindheitserinnerungen
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Veröffentlicht durch: Mischar Jung um 22:36 Uhr

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