AMOS und die Presse
von Lisa Ringen
Es ließ AMOS einfach keine Ruhe.
Unruhig trippelte er durch die Küche und wäre beinahe über Igel Jupp gestolpert, der seinen Winterschlaf ausnahmsweise unterbrochen hatte, um sich in Opa Hermanns Küche ein wenig die kurzen Beine zu vertreten und ein paar Tropfen Kakao zu schlürfen.
Immer wieder sprang AMOS mit den Vorderhufen auf den Fenstersims, legte sein Köpfchen ab und starrte vornübergebeugt mit leicht zusammengekniffenem Auge hinaus in das winterliche Schneetreiben vor der Kate.
Opa Hermann faltete die Tageszeitung ordentlich zusammen, setzte behutsam seine Lesebrille ab und legte beides vor sich auf den Küchentisch.
„AMOS, was ist los? So hibbelig habe ich dich ja schon lange nicht mehr gesehen.“
AMOS sprang mit einer halben Drehung vom Fenstersims und landete routiniert auf allen vier Hufen.
„Die lassen sich aber ganz schön Zeit. Muss wohl am ollen Glatteis liegen“ mutmaßte AMOS, während er zu Opa Hermann an den Tisch trat. Der verstand erst mal nur Bahnhof, denn soweit er wusste, erwarteten sie keinen Besuch.
„Würdest du mir bitte meine Augenklappe auf das andere Auge binden? Rechts ist nämlich meine Schokoladenseite.“
„Aha. Von wem hast du das denn?“, wunderte sich Opa Hermann und löste bereitwillig die Schleife von AMOS Augenklappe.
„Von der großen Schwester der kleinen Neele. Die hat auch eine Schokoladenseite, aber ich weiß nicht mehr genau welche.“
AMOS freute sich insgeheim, Opa Hermann zur Abwechslung etwas erklären zu können. „Die kann man aber nicht essen“, fügte er eilig hinzu, um ihn nicht unnötig irrezuleiten.
Opa Hermann, der nicht wusste, welche Gesichtshälfte seine Schokoladenseite war, aber durchaus mit dem Begriff etwas anfangen konnte, interessierte vielmehr, wen AMOS eigentlich zu Besuch erwartete.
„Für wen willst du dich denn von deiner besten Seite zeigen?“
AMOS freute sich, dass Opa Hermann die Sache mit der Schokoladenseite anscheinend verstanden hatte und wollte ihn natürlich nicht länger im Dunklen tappen lassen.
„Ich warte“, räusperte er sich blökend „auf die Väter.“
„Die Väter? Welche Väter denn nun? Neeles Vater?“ Auf andere „Väter“ konnte sich Opa Hermann in diesem Moment partout keinen Reim machen.
„Nein, nein, die italienischen Väter natürlich!“
„Die italienischen Väter?“
„Ja, ja, ja, die mit den Kameras und den Blitzen!“ AMOS sprang aufgeregt, die Augenklappe nun auf dem linken Auge, vor Opa Hermann auf und ab. Er musste sich ein trotziges Aufstampfen mit dem Huf wirklich verkneifen, denn Opa Hermann hatte das nicht so gerne. Endlich war der Groschen gefallen und Opa Hermann lachte glucksend.
„Du meinst die Paparazzi! Das müssen aber nicht unbedingt Väter sein.“
„Ja, genau, die meine ich! Neeles große Schwester hat gesagt, wenn Paparazzi wüssten, dass es bei uns im Dorf ein enorm gefährliches Piratenschaf lebt, dann hätten würden die bestimmt kommen, mich fotografieren und in die Regenbogenpresse stecken. Und jetzt warte ich schon den ganzen Vormittag.“
AMOS konnte nicht verstehen, was Opa Hermann daran so lustig fand und ärgerte sich ein bisschen.
„Weißt du eigentlich, was die Regenbogenpresse ist?“ wollte Opa Hermann wissen.
„Nicht genau, aber sie tut wohl nicht weh und ist ganz bunt. Eine heißt sogar so: BUNTE. Wenn man da drin ist, dann ist man eine Zeit lang ein Star.“
„Die Regenbogenpresse wird auch Klatschpresse genannt. Das sind Begriffe für bunte Zeitschriften, aus denen man Klatsch und Tratsch aus der Welt der Prominenten und Möchtegern-Prominenten erfährt. Für ein einzigartiges, enorm gefährliches Piratenschaf ist das nichts.“ Opa Hermann legte seine Hand beschützend auf AMOS Köpfchen. „Dafür bist du mir viel zu schade, mein guter AMOS.“
AMOS senkte seinen Blick verlegen auf den Küchenboden und malte mit dem linken Vorderhuf die Kacheln des Küchenbodens nach. Opa Hermann hatte anscheinend Verlustängste, soviel verstand der kleine, belämmerte AMOS.
„Opa Hermann, bitte überlege es dir noch mal, ja? Wenn die Paparatten kommen und mich zum Star machen wollen, kannst du ihnen ja sagen, dass ich gerne ein Piratenschaf bin und auch nicht ewig ein Vogel bleiben will.“