Opa Hermann und der Kupfertank
von per Inradi
„Opa Hermann, was hast du damals als Kind denn noch mit deiner Bande in der großen Stadt noch so erlebt?“
„Moment – ich lese gerade noch unser Horoskop. Also bei dir steht, dass die Damen dich lieben… Gut, meine Kindheit.
Also in den Fünfziger Jahren war man anders zu Kindern – und Piratenschafen – wie heute. Wir bekamen kein Taschengeld, hatten aber trotzdem unsere Wünsche. Folglich sammelten wir Schrott, den wir in einem Eimer immer zum Schmierigen Erwin schleppten. Es war ein kugeliger Mann mit speckigem Jägerhüttchen und einem fürchterlich verschmierten, eng sitzenden grauen Kittel. Bei jeder Lieferung jammerte er, dass das doch wohl geklaut sei und gab uns ein paar Groschen.
Unser Jagdgebiet waren die Schienen vor dem großen Hauptbahnhof. Dort fuhren die Züge langsam und verloren schon mal etwas aus Metall. Oft versuchten wir auch, die bildschönen Rücklichter aus der Verankerung zu ziehen, was uns aber nie gelang. Aber regelmäßig wurden wir weggejagt, weil wir selbst die absoluten Gefahren nicht einschätzen konnten.
Und einmal entdeckten wir am Bahndamm einen Tank aus Kupfer. Mann, waren wir glücklich. Das gab richtig Geld. Wir jubelten. Auf zwei Rollern und zu viert brachten wir diesen wertvollen Fund über Bordsteine und Kreuzungen über 6 km zum Schmierigen Erwin.
Dieser lag hinter seiner Hütte und schrie, dass wir verschwinden sollten.
‚Nichts da! Mindestens fünf Mark wollten wir haben!’ Er hatte uns schon zu oft über den Tisch gezogen. ‚Fünf Mark! Mindestens!’ brüllten wir zurück.
Es dauerte nicht lange, da kamen zwei Polizeiwagen mit jeweils zwei Polizisten auf das Gelände gestürmt und wir ergriffen enttäuscht die Flucht. Traurig kehrten wir in der anbrechenden Dunkelheit heim und wurden von den Eltern gehörig ausgeschimpft.
Tags darauf kam ein Bandenmitglied und berichtete, dass der Polizist des Viertels sagte, vier Schwachköpfe hätten dem Schmierigen Erwin eine Phosphor-Bombe mit intaktem Schlagzünder aus dem Krieg gebracht und der Beschreibung nach müssten wir das gewesen sein.“
AMOS hatte gespannt gelauscht: “Und die war keine fünf Mark Wert, obwohl sie aus Kupfer war?“
Kategorie: Kindheitserinnerungen
Schlagwörter: Bahnhof, Kupfer, Kupfertank, Metall, Phosphorbombe, Schienen, Schlagzünder, Schmieriger Erwin, Schrott
Veröffentlicht durch: Mischar Jung um 10:18 Uhr
Glück gehabt!!! Manchmal darf man “was wäre, wenn” nicht mal ansatzweise denken…
Kommentar by Lisa — 8. Februar 2010 @ 23:51
Manchmal sind eben nicht nur Piratenschafe belämmert.
;-)
Kommentar by Mischar Jung — 10. Februar 2010 @ 22:24