AMOS und die Begegnung mit dem Wolf
von Per Inradi
„…Hast du schon einmal einen Wolf getroffen?“
Opa Hermann lachte und band dem gefährlichen Piratenschaf die Augenklappe auf die andere Seite.
„Nein – oder … ja!
Ich hatte damals zur Zeit des Rock ’n’ Roll schon einmal eine Begegnung mit dem Wolf. Alles begann, als ich vom Spielen nach Hause kam und Stimmen aus der Küche hörte.
‚Und was wollen sie nun von meinem Sohn?’
‚Er hat mir die Zunge raus gestreckt. Wollen sie ihn hauen, oder soll ich das übernehmen?’
‚Hier wird niemand verhauen und wieso wissen sie, dass es ausgerechnet mein Sohn war?’
‚Es war einer derer, die immer vor der Halle spielen. Die sehen doch alle gleich aus.’
Günter Wolf, ein vorgealterter Mittdreißiger mit Hornbrille und Jägerhütchen zum fleckenfreien grauen Kittel war Handlanger in einer Firma, die Sägeblätter schliff. Ihn nahm mein Vater wohl nicht für voll. Vor kurzem war er bei der Mutter ausgezogen, weil er nach eigenen Aussagen eine zweite Mutter geheiratet hatte. Vater meinte, dass sie sicher noch älter als seine Mutter war.
Günter Wolf hatte aber auch ein neues Auto der Marke NSU. Dieses polierte er behutsam und hingebungsvoll. Wir Kinder durften nicht näher als zehn Meter kommen, denn dann konnte er fürchterlich toben. Daher hieß er bei uns nur der große böse Wolf, obwohl er nicht ganz so groß war.
Weil mein Vater mich nicht vorbeugend verhauen wollte, setzte er noch eins drauf. ‚Die rufen schon mal großer böser Wolf!’
Nein, das geht ja auch nicht, aber ich durfte nicht mit lachen. Schließlich war ich ja Kind, aber Vater versprach, mehr auf meine Erziehung zu achten und ich ging dem bösen Wolf aus dem Weg, mied den Hof, wenn er akribisch mit stechendem Blick und erregt hechelnd energisch, aber sanft den Lack polierte.
Meine Spielkameraden lugten dann immer um die Ecke und riefen: ‚Scheiß Karre, großer böser Wolf!’
Das Klappern der Arbeitsschuhe, während er meine Kollegen verfolgte, hörte man noch weit.
Einmal saßen wir beim Abendbrot, als Wolf wohl Feierabend hatte und noch eine späte Lieferung Sägeblätter kam. Ein höllisches Knirschen und Scheppern ließ uns zusammen zucken. Günther Wolf stand leise schluchzend neben einem Haufen Schrott, der einmal sein neuer NSU war.
Danach soll er gekündigt haben und niemand sah ihn wieder.“
„Ist er vielleicht in die Politik gegangen?“ fragte AMOS altklug.
„Vielleicht…“ Opa Hermann goss noch einmal Kakao nach.