AMOS und Bellos Leidensebene

von Per Inradi

„Opa Hermann – sag doch mal ganz ehrlich…“

Der alte Bergmann sah von der Zeitungslektüre hoch und blinzelte über die Lesebrille.

„Ja – ich höre?“

„Magst Du eigentlich Bello, den Nachbarshund?“

„Ich habe nichts gegen Bello, wie Du weißt!“

„Nicht ob Du etwas gegen ihn hast, Ich fragte, ob Du ihn auch magst?!“

Im Aufstehen ruderte Opa Hermann etwas mit den Armen, schob die Tassen zur Seite und beugte sich über AMOS.

„Bello ist ein typischer Hund – okay! Er ist dreist, ziemlich verwöhnt und duldet kaum jemanden neben sich. Er will immer der Mittelpunkt sein und viele vertreibt er durch sein Bellen. Sicher hat er seinen Namen daher, im Lateinischen bedeutet Bello auch Krieg, aber dazu ist er sicherlich zu feige hinter seinem Zaun.“

Das gefährliche Piratenschaf nahm noch einen kräftigen Schluck Kakao.

„Warum bist Du denn so aggressiv? Bello ist aus dem Tierheim, wo er als Welpe eingeliefert wurde. Er hat keine Papiere und seine Vorfahren muss man raten. Er sieht halt von allem ein bisschen aus.“

Gebückt nahm Opa Hermann den kleinen Freund in den Arm, band ihm lieb die Augenklappe auf die andere Seite.

„Schau mal… Er wurde als Welpe vom Nachbarn geholt. Ans Tierheim erinnert er sich doch gar nicht mehr. Ihm geht es blendend, doch er bestimmt über seine Familie, die sein Schicksal ins Gute führte. Findest Du derlei einen edlen Charakterzug? Ich finde das sehr dreist.

Ja und steckt nicht in allen von uns ein bisschen Tierheim-Schicksal, keine vorzeigbaren Papiere und andere Leute, die mehr Macht besitzen und stärker als wir sind? Mit denen müssen wir uns halt arrangieren, wenn wir weiter leben wollen.

Aber derlei Arschlöcher bestimmen die Regeln des Zusammenlebens von sich aus neu!“

AMOS riss die Augen auf.

„Hast Du eben den schelmischen Bello wirklich ein Arschloch genannt?!“

Kategorie: Geschichten
Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,
Veröffentlicht durch: Mischar Jung um 09:42 Uhr

Noch keine Kommentare

RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack URL

Hinterlasse einen Kommentar