Der verlorene Liebesbrief
von Per Inradi
Der von allen lang ersehnte Regenguss hatte nicht lange gedauert und der Asphalt dampfte, als hätten sich Elfen gerade verabschiedet. Vorsichtig lugte das gefährliche Piratenschaf unter der nassen Kuscheldecke auf dem Fahrradanhänger hervor, ob nun weitere Wasser-Attacken zu befürchten seien.
Die Gefahr lauerte nicht, denn Opa Hermann meinte, dass kurz vor ihnen auch jemand auf einem Fahrrad seine Spuren in der frischen Feuchtigkeit hinterlassen habe.
Mit einem für AMOS unangenehmem Ruck stoppte er plötzlich und hob einen gefalteten Zettel auf. „Schau mal, der Mensch auf dem Fahrrad vor uns hat seinen Einkaufszettel verloren. Vielleicht treffen wir ihn ja gleich noch.“
Gedankenverloren und gegen ein Niesen kämpfend hörte AMOS neugierig zu, als Opa Hermann begann, vor zu lesen.
„Du dummer Kerl – ich kann nicht mehr aushalten, was Du mir und auch unserer gesamten Clique bietest. Mehr als aussehen, wie ich halt aussehe, kann ich nicht. Mit meiner Liebe kannst Du wohl gar nichts anfangen. Mal tust Du so, als hast Du alles begriffen – dann wieder bist Du mega bescheuert.
Ich sage Dir jetzt noch einmal und dann nie wieder, dass Du meine große Liebe bist.
Kannst Du damit überhaupt etwas anfangen?“
Keine Unterschrift …au weiah! Opa Hermann konnte gar nicht weiter fahren und wischte sich ein Tränchen weg.
„AMOS – das war das Zeugnis einer ganz großen Tragödie, die man Liebe nennt.
Da erwartet wohl ein starkes Mädchen einen labberigen Typen, der nichts begriffen hat. So wie es aussieht, hat er sie auch gar nicht verdient, weil er halt so unreif ist… Lass mal gut sein… Wir fahren gleich weiter, aber das hier ging mir doch ziemlich nahe.“
Sie setzten sich an den Wegesrand und verdrückten noch ein Pilsken und einen großen Kakao aus diesen praktischen Tüten mit Strohhalm.
„Die Welt ist verdammt ungerecht den Guten gegenüber“ murmelte der alte Bergmann. „Fandest Du das eine gute Geschichte?“
Trotz reichlich Kakao durch den Strohhalm konnte das gefährliche Piratenschaf nicht strahlen. „Nein – gewiss keine Geschichte, die man einfach so weg steckt. Aber vielleicht heilt die Zeit für dieses vielleicht junge Mädchen auch die Wunden?!
Opa Hermann sah erstaunt hoch.
„… das sagte jedenfalls die Kommentatorin im Radio mal irgendwann.“