Der Gefangene
von Per Inradi
„Opa Hermann? Wie denkst Du eigentlich über Gefangene?“
Der alte Bergmann setzte seine Lesebrille ab, legte die Lokalzeitung an die Seite und sah das gefährliche Piratenschaf nachdenklich an.
„Du, das ist ein ganz heikles Thema und Gefangene verdienen eigentlich immer unser Mitleid und unsere Unterstützung – zumal in Dritt-Ländern…“
„Nein – ich meine und rede von hier!“
„Gut – auch hier gibt es ganz bedauernswerte Gefangene, denen man helfen sollte. So manche oder mancher sitzt wirklich unschuldig hinter Gittern und da tut sich der Justizapparat nicht immer leicht.
Aber lass das mal. Ich stamme ja noch aus der 1968er Bewegung und das ist sowieso ein Reizthema, denn es gibt selten ein Schwarz und Weiß, ein Gut und Böse. Die Mehrheit folgt nämlich den Trägheitsgesetzen, den lieb gewordenen Routinen und will partout nichts ändern. Wir wollten das damals nicht länger mit machen, den Mund halten und verkrustete Strukturen mittragen.
Vielleicht habe ich deswegen damals auch Bergbau studiert und keine Verwaltungsbeamten-Laufbahn eingeschlagen. Irgendwann muss man ja mal für sich selbst erkennen, was man will, ob man der Typus für vernünftiges Verändern ist, oder eher der Vernunft der System-Stabilisierung gehorchen möchte und dafür die versprochenen Vorteile genießen will.
Ja – ein nicht unkompliziertes, aber schier endloses Thema, aber wieso kommst du denn darauf?“
„Sie haben hinter dem Ortsausgang auf der Landstraße einen Motorradfahrer gefangen, der zweihundertvierzig km/h schnell fuhr. Das erzählte mir jedenfalls der Nachbarshund Bello.“
Opa Hermann griff wieder zu Lesebrille und Zeitung.
„Dann sage mir doch bitte demnächst vorher, wenn Nachbarshund Bello damit irgendwas zu tun hat! Und jetzt will ich in Ruhe Zeitung lesen!“