Archiv für die Kategorie „Kindheitserinnerungen“

AMOS und die Faszination Auto

Donnerstag, 18. Februar 2010
von Rainer Dietrich

Genussvoll betrachtete Opa Hermann die Tageszeitung.

„Herrlich, dieser Genfer Autosalon. Es ist ein Mekka für Kraftfahrzeug-Sehnsüchte, besonders, wenn man nur ein altes Fahrrad mit Anhänger fährt.“

AMOS kannte nur den Damen- und Herrensalon aus der Nachbargemeinde. Seitdem er wusste, dass er bald geschoren werden müsste, machte er einen großen Bogen darum. Schließlich sollte man das Schicksal nicht unnütz herausfordern.

„Warst du denn als Kind auch schon so? Ich meine, so mit Autos?“

Der väterliche Freund schaute über die Lesebrille und lächelte.

„Autos? Ja! Das ging uns allen Jungs wohl so. Wir notierten sogar die Kennzeichen um voreinander ein wenig anzugeben. Bei uns an der Straße war sogar eine Firma, die neue Autos nach München transportierte. Oft sahen wir zu, bis wir halt weggejagt wurden und kletterten auch heimlich auf die Transportwagen, was uns freilich streng verboten war.“

Mit interessiertem Blick schob ihm das gefährliche Piratenschaf seine leere Kakaotasse hin.

„Nur an einem Tag hatten wir großes Glück. Als wir wieder einmal darauf herumstiegen, startete ein Fahrer, der uns nicht gesehen hatte, nach Bayern.

Meine Freunde schafften es noch, herunter zu springen. Ich war auf dem oberen Deck und hielt mich nur krampfhaft fest, als der Fahrer langsam das Firmengelände verließ. In Panik vergaß ich sogar zu schreien und hielt mich nur fest.

Er fuhr die Straße entlang, verließ unser Heimatviertel und irgendwann musste er doch stoppen, worauf ich hastig heruntersprang und unsanft landete. Nur wo war ich?

Eine ältere Frau sah sich mein aufgeschlagenes Knie an und meinte, dass ich noch

Gute anderthalb Stunden bis nach Hause laufen müsste, was ich auch mühevoll begann. Zu Hause kam ich natürlich zu spät zum Abendessen und schwieg aber eisern.“

AMOS schob seine Kakaotasse bittend noch näher.

„Und wieso meintest du, dass gerade in München schönere Autos als im Ruhrgebiet herumfuhren?“

Opa Hermann und der Kupfertank

Sonntag, 7. Februar 2010

von per Inradi

„Opa Hermann, was hast du damals als Kind denn noch mit deiner Bande in der großen Stadt noch so erlebt?“

„Moment – ich lese gerade noch unser Horoskop. Also bei dir steht, dass die Damen dich lieben… Gut, meine Kindheit.

Also in den Fünfziger Jahren war man anders zu Kindern – und Piratenschafen – wie heute. Wir bekamen kein Taschengeld, hatten aber trotzdem unsere Wünsche. Folglich sammelten wir Schrott, den wir in einem Eimer immer zum Schmierigen Erwin schleppten. Es war ein kugeliger Mann mit speckigem Jägerhüttchen und einem fürchterlich verschmierten, eng sitzenden grauen Kittel. Bei jeder Lieferung jammerte er, dass das doch wohl geklaut sei und gab uns ein paar Groschen.

Unser Jagdgebiet waren die Schienen vor dem großen Hauptbahnhof. Dort fuhren die Züge langsam und verloren schon mal etwas aus Metall. Oft versuchten wir auch, die bildschönen Rücklichter aus der Verankerung zu ziehen, was uns aber nie gelang. Aber regelmäßig wurden wir weggejagt, weil wir selbst die absoluten Gefahren nicht einschätzen konnten.

Und einmal entdeckten wir am Bahndamm einen Tank aus Kupfer. Mann, waren wir glücklich. Das gab richtig Geld. Wir jubelten. Auf zwei Rollern und zu viert brachten wir diesen wertvollen Fund über Bordsteine und Kreuzungen über 6 km zum Schmierigen Erwin.

Dieser lag hinter seiner Hütte und schrie, dass wir verschwinden sollten.

‚Nichts da! Mindestens fünf Mark wollten wir haben!’ Er hatte uns schon zu oft über den Tisch gezogen. ‚Fünf Mark! Mindestens!’ brüllten wir zurück.

Es dauerte nicht lange, da kamen zwei Polizeiwagen mit jeweils zwei Polizisten auf das Gelände gestürmt und wir ergriffen enttäuscht die Flucht. Traurig kehrten wir in der anbrechenden Dunkelheit heim und wurden von den Eltern gehörig ausgeschimpft.

Tags darauf kam ein Bandenmitglied und berichtete, dass der Polizist des Viertels sagte, vier Schwachköpfe hätten dem Schmierigen Erwin eine Phosphor-Bombe mit intaktem Schlagzünder aus dem Krieg gebracht und der Beschreibung nach müssten wir das gewesen sein.“

AMOS hatte gespannt gelauscht: “Und die war keine fünf Mark Wert, obwohl sie aus Kupfer war?“

AMOS und Opa Hermanns Kindheitserinnerungen – Teil I

Sonntag, 3. Januar 2010
von Per Inradi

„Opa Hermann?“ Das gefährliche Piratenschaf sah fragend über seinen Kakaobecher. „Opa Herrmann, warst du früher auch mal Kind?“

Lachend setzte dieser die Lesebrille ab. „Aber sicher doch – und auch so etwas ähnliches wie ein Pirat und dabei enorm gefährlich.“

AMOS nahm eine ganz konzentrierte Haltung an. „Erzähl doch bitte.“

Opa Hermann lehnte sich zurück und streichelte ihn übers Köpfchen.

„Wir hatte damals eine Kinderbande und regierten in einem verwilderten Park. Bewaffnet waren wir mit Holunderstöcken und alles war auch sonst richtig organisiert. Ich durfte sogar Chef sein und einmal bekam ich die traurige Nachricht, dass zwei unserer Späher urplötzlich gestorben seien, nachdem sie eine Schatztruhe gefunden hatten. Sofort rannten wir hin und da lagen sie neben einer grauen Kiste. Zwischen ihnen lag eine Flasche mit der Prägung eines Totenkopfes und zweier gekreuzter Knochen.

Alle zusammen trugen wir unsere toten Helden in Richtung der Wohnhäuser und immer mehr Kinder schlossen sich an. Spaziergänger informierten wir kurz, die sich dann auch der Prozession anschlossen. Weil es damals noch keine Fernseher gab, schauten viele Leute im Unterhemd und auf einem Sofakissen den ganzen Tag aus dem Fenster.

Was ist passiert? Die sind leider tot.

Dann rannte die Mutter des einen zu uns, riss die Küchenschürze ab und stürzte sich auf den leblosen Körper ihres kleinen Sohnes.

Plötzlich fingen beide Gefallenen an zu würgen und begannen sich zu übergeben. Ein Aufschrei ging durch die Menge, als sie ins Leben zurück kehrten. Zusammen mit dem Polizisten des Viertels und einigen Erwachsenen gingen wir noch einmal zur Fundstelle des Schatzes und die Erwachsenen lachten.

Natürlich hatten wir alle in der Radio-Kinderfunksendung Stevensons Schatzinsel gehört, aber die Flasche mit dem Totenkopf, die ganze Kiste hatte eine ganz andere Erklärung. Es war ein großer Verbandskasten aus dem Krieg und als die Kollegen an dem vermeintlichen Rum rochen, hatten sie einen tiefen Zug Äther eingeatmet.“

AMOS verstand nicht, hatte aber schon Tränchen der Rührung in den Augen.

Opa Hermann legte seinen Arm um ihn und erläuterte: „Also, wenn damals jemand so krank war, dass er operiert werden musste, also ganz ganz krank war“