von Rainer Dietrich
Genussvoll betrachtete Opa Hermann die Tageszeitung.
„Herrlich, dieser Genfer Autosalon. Es ist ein Mekka für Kraftfahrzeug-Sehnsüchte, besonders, wenn man nur ein altes Fahrrad mit Anhänger fährt.“
AMOS kannte nur den Damen- und Herrensalon aus der Nachbargemeinde. Seitdem er wusste, dass er bald geschoren werden müsste, machte er einen großen Bogen darum. Schließlich sollte man das Schicksal nicht unnütz herausfordern.
„Warst du denn als Kind auch schon so? Ich meine, so mit Autos?“
Der väterliche Freund schaute über die Lesebrille und lächelte.
„Autos? Ja! Das ging uns allen Jungs wohl so. Wir notierten sogar die Kennzeichen um voreinander ein wenig anzugeben. Bei uns an der Straße war sogar eine Firma, die neue Autos nach München transportierte. Oft sahen wir zu, bis wir halt weggejagt wurden und kletterten auch heimlich auf die Transportwagen, was uns freilich streng verboten war.“
Mit interessiertem Blick schob ihm das gefährliche Piratenschaf seine leere Kakaotasse hin.
„Nur an einem Tag hatten wir großes Glück. Als wir wieder einmal darauf herumstiegen, startete ein Fahrer, der uns nicht gesehen hatte, nach Bayern.
Meine Freunde schafften es noch, herunter zu springen. Ich war auf dem oberen Deck und hielt mich nur krampfhaft fest, als der Fahrer langsam das Firmengelände verließ. In Panik vergaß ich sogar zu schreien und hielt mich nur fest.
Er fuhr die Straße entlang, verließ unser Heimatviertel und irgendwann musste er doch stoppen, worauf ich hastig heruntersprang und unsanft landete. Nur wo war ich?
Eine ältere Frau sah sich mein aufgeschlagenes Knie an und meinte, dass ich noch
Gute anderthalb Stunden bis nach Hause laufen müsste, was ich auch mühevoll begann. Zu Hause kam ich natürlich zu spät zum Abendessen und schwieg aber eisern.“
AMOS schob seine Kakaotasse bittend noch näher.
„Und wieso meintest du, dass gerade in München schönere Autos als im Ruhrgebiet herumfuhren?“