AMOS und die Härte im Leben

6. März 2010
von Per Inradi

Erst das zweite Schellen wurde gehört.

„AMOS, geh du mal hin“, knurrte Opa Hermann, der gerade seine Lesebrille putzte.

„Einen wunderschönen Abend wünsche ich dem Herrn. Alles in der Hoffnung, dass die Störung unseren frischen Kontakt nicht betrübt. Darf ich mich kurz vorstellen? Ich bin Holger Matzke und ihr freundlicher Nachbar.“

„AMOS. Ein gefährliches Piratenschaf“, knurrte AMOS wie er gerade von Opa Hermann gelernt hatte. „Haben sie etwa meine lieben Piratenfreunde gesehen?“

„Gefährlich? Na, das sieht doch ein Blinder. Verzeihung – ich meinte die ganz blinden. Piraten sah ich heute noch nicht. Aber etwas anderes, was die Stimmung hebt, hätte ich doch. Wie schön wäre es, wenn man jede Woche eine neue Programmzeitschrift im Briefkasten hätte?“

Nein – AMOS war doch nicht dumm in seiner Belämmerung. Ein Drücker? Ein schleimiger Drücker mit fiesen Tricks, wovon Opa Hermann erzählte?

„Ich glaube es ja wohl nicht. Schnell weg, sonst werde ich ganz fürchterlich gefährlich!“

„Wer war denn da?“ Opa Hermann hatte nun die frisch geputzte Brille auf.

„Ein Drücker. Mit einer Fernsehprogrammzeitung.“

„Mensch AMOS, nein, gefährlicher AMOS. Die Härte im Leben verlangt auch von Dir, dass Du um einiges härter reagierst. Wie kannst du so lange mit diesem Volksverarscher reden? Ich hätte mehr von Dir erwartet.“

Lange sagte niemand mehr etwas, als es noch einmal schellte.

„Hallo, darf ich mich vorstellen? Ich bin Wübbo Janssen. Ihr neuer Nachbar.“

AMOS holte tief Luft.

„Machen wir es kurz. Du siehst doch, dass ich gefährlich bin und Dein blöder Kollege war heute schon hier. Mach Dich schleunigst vom Acker sonst lernst Du mal gefährliche Piratenschafe kennen.“

„Wer war das denn?“ Opa Hermann rührte im Kakao, damit er nicht über kochte.

„Diesmal war es ein Wübbo Janssen. Haargenau die gleiche schleimige Tour, aber diesmal habe ich es ihm aber gründlich gegeben.“

„Wübbo Janssen? Der hat doch da hinten das Haus gebaut. Wo ist er denn?“

AMOS und der Enten-Test

3. März 2010

von Katrina Vlees

„Möchtest du ein Auto kaufen? Und das so ganz ohne Führerschein?“

Ertappt zuckte das gefährliche Piratenschaf zusammen und sah vom Anzeigenteil der Tageszeitung hoch.

„Nein. Es geht nur darum, weil, ich habe mir nämlich eine Bekanntheitsanzeige überlegt.“

Opa Hermann verstand nicht ganz, machte aber ein mitfühlend-interessiertes Gesicht. „Ich höre?!“

Tief Luft holend streckte sich AMOS und trug mit getragener Stimme vor: „Junges gefährliches Piratenschaf sucht lockeren Kontakt zu passenden Mitmenschen wegen spannender Geselligkeit.“

Grinsend nahm ihn Opa Hermann in den Arm. „Du denkst an eine Kontaktanzeige, aber das könnten einige Leute völlig anders auslegen und verstehen. Dann wiederum, lieber AMOS, wäre deine Enttäuschung sicherlich groß.“

Den Tränchen nahe fragte der Kleine, wie Opa Hermann denn damals so die richtigen Mädchen kennen gelernt hatte. Mit einer dampfenden Tasse Kakao vor sich spitzte AMOS seine Öhrchen und schielte über die schräg gerutschte Augenklappe.

„Damals trafen sich alle jungen Leute, die etwas auf sich hielten, auf einer Partymeile. Zwischen den Straßenbahnhaltestellen und den tollen Kneipen lag noch ein kleiner Park mit Teich. Immer wenn ich ein Mädchen sehr nett fand und mein Herz im damals sicher hübscheren Körper kräftig pochte, machte ich den Enten-Test.“

Trickreich und dezent schob AMOS seine mittlerweile leere Kakaotasse näher, die auch prompt wieder gefüllt wurde.

„Das ging am besten, wenn es regnete. Es versteht sich, dass die begehrenswerten und hübschen jungen Damen natürlich schnell in die Kneipen wollten – zumal bei Regenschauern. Und genau da holte ich ein Baguette aus der Tasche und verfütterte es erst einmal in aller Seelenruhe an die dankbaren Enten. Es versteht sich, dass das oft auf wütende Proteste stieß. Dadurch lernte ich schnell Charaktereigenschaften kennen, die sie sonst eher verbargen.

Nur einmal in einem heftigen Schauer nahm mir eine das halbe Brot ab und fütterte die Enten mit. Ich verliebte mich bis über beide Ohren und als sie mich nach längerer Zeit wieder verließ, meinte sie, dass sie damals nur schneller zur Partymeile wollte.“

Ergriffen schob AMOS ihm mitleidig auch eine Tasse hin. „Also besser doch eine Kontaktanzeige?“

How AMOS and grandpa Hermann met

28. Februar 2010
Translated by Lisa Ringen

The eye patch was completely drenched with little tears and AMOS just could not stop crying. What had happened to him, was so incredibly horrifying, he could hardly believe it.

He had gone onshore for just a moment to discreetly sniff and touch noses with an absolutely gorgeous sheep-girl, when suddenly the dear pirates and their ship set forth without him, firmly believing he was on board. Seemingly the dear pirates had not noticed their loss until they shipped far away. In search for a hill AMOS ran further and further until he eventually hopeless fell into sleep. Like a whimpering heap of misery he had crept away into a ditch behind a bush as a shadow casted over him.

“Please don’t be afraid. You don’t seem so well, do you?!” A scrawny old man had bent over him and took a closer look at the wet eye patch.

“I am Grandpa Hermann. No, not a real grandpa. I don’t have any children, but that’s what they call me anyway, maybe because I behave like one. After all, not all mothers behave like mothers and not all politicians behave like representatives of the people. So I might as well be a grandpa.”

AMOS squinted against the sun.

“I am AMOS, a dangerous pirate-sheep and I have lost my dear pirate friends.”

Grandpa Hermann suppressed a grin and after a while of petting and stroking he tied the eye patch to AMOS’ other eye. Sobbing, the furry little fellow told the entire tragic story.

“So, your friends used to make hot chocolate for you and switched the eye patch to the other side? That was you true family? Oh, now I understand how you must feel. How about coming with me to my old cottage and calm down a little? I’ve got some hot chocolate for you and afterwards we think about how to go from here.”

He put AMOS onto his old bike’s trailer and reached the secluded cottage where hedgehog Jupp was snoring in a corner near the oven. Grandpa Herman wrapped his little guest into a blanket and as the hot chocolate was ready, the little pirate-sheep blissfully slumbered, breathing heavily and shivering a little bit.

“A pirate-sheep. Who would have known this morning, how the day would turn out. I’ve never seen pirates around here, not to mention dear pirates, but that doesn’t have to mean anything.” Grandpa Hermann reached for his reading glasses and read the newspaper’s local section where one event, reported in a hyped-up style, chased the next one, none of which appealed to him as worth reading. There was nothing about his unusual finding. Yet, they would find some hints, maybe with the help of people which have not become dull and indifferent?

“A new time has come. My life with AMOS and the quest to find his dear pirate friends. Well, we’re onto something.“