von Mischar Jung
Nachdem Opa Hermann die Fassung wieder erlangt hatte und das wild Slalom-fahrende Fahrrad mit dem polternden Anhänger begradigen konnte, beantwortete er AMOS’ belämmerte Frage.
“Nein AMOS. So etwas wie einen Häuptling gibt es heute nicht mehr. Aber wenn man eine Wahl gewinnt, dann ist man so etwas Ähnliches wie ein Häuptling. Ob man dann aber wirklich was zu melden hat, wie ein echter Häuptling, sei dahingestellt.”
“Stimmt.” kicherte AMOS. “Wäre der rote Mann wirklich ein Häuptling, dann hätte er ja auch Federn auf dem Kopf und würde den ganzen Tag Pfeife rauchen.”
“Das würde hier in Ostfriesland auch bescheuert aussehen.” ergänzte Opa Hermann.
Das illustre Gespann erreichte den Wochenmarkt in Weener. AMOS hüpfte mit Elan aus dem Anhänger. Viel los war dort nicht. AMOS wollte schon loskantapern aber Opa Hermann lotste ihn zielstrebig zu einen komischen Stand mit einem lustigen roten Regenschirm. “Hier entlang, mein kleiner Pirat. Den Häuptling hier kennst Du vielleicht.”
AMOS drehte den Kopf nach rechts und sah mit dem linken Auge den roten Mann von dem Plakat unter dem überdimensionalen roten Regenschirm stehen. Ganz so rot sah der Mann gar nicht aus, aber die Krawatte schon.
“Hey Häuptling Keno!” rief der zottelige Pirat. “Was machen die Indianer?”
Der Mann unter dem Schirm blickte erschrocken auf das sprechende Schaf herab und wusste im ersten Moment nichts mit der Situation anzufangen. Opa Hermann hatte Mühe, sich ein Grinsen zu verkneifen. “Ich bin’s. AMOS. Ich bin ein gefährliches Piratenschaf. Und Ostfriese, glaube ich. Ich suche meine Freunde, die lieben Piraten. Hast Du sie vielleicht gesehen?”
Da war es wieder, das gequält wirkende Lächeln, wie auf dem Plakat.
“Schön, Dich kennen zu lernen. Wir sind hier ja heute, weil bald wieder Wahlen sind, nech?” Der Mann blickte unruhig umher, in der Hoffnung, jemand wichtiges wäre in der Nähe, denn mit einem Schaf konnte er nicht so wirklich etwas anfangen. Mit einem Schaf von den Piraten schon gar nicht.
“Wir unterhalten uns mit den Bürgerinnen und Bürgern. Denn wir wollen sehen, wo der Schuh drückt, nech?” Er bückte sich zu AMOS herunter und tätschelte ihn etwas steif und unbeholfen auf der linken Seite.
AMOS blickte verwundert an sich herunter. “Aber ich habe doch gar keine Schuhe an!” blöckte er. “Ich bin auf der Suche nach den lieben Piraten und Captain Hornblewer auf der Cara Mia.” AMOS blickte auf und rümpfte sein schwarzes Näschen ein wenig piratig.
“Ein echter Pirat trägt auch keine Schuhe.” ergänzte Opa Hermann nickend.
Der Häuptling von Weener schwieg verdutzt für einen Moment. Eine lustige Frau mit einem puterroten, etwas dicklichen Gesicht und roten Haaren lies einen kleinen roten Luftballon vor Schreck sausen, den sie aufblasen wollte. “Nee nee,” rief sie. “Mit denen Piraten wulln wi nix to doon hebbn. Dat sün doch aal nur Chaoten, de kien Recht un kien Ordnung kennen. Un immer düssn Internetz. Dor givt’s aal nur Schmuddelkram. Hacker sün dat. Aal mitnanner.”
“Ja ja, nech?” sprang der Mann mit der feuerroten Krawatte ein. Schweißperlen bildeten sich plötzlich auf seiner Stirn. “Da müssen klare Regeln und Gesetze geschaffen werden, damit den Hackern Einhalt geboten wird.”
AMOS verstand nicht wirklich, worauf der Häuptling hinaus wollte. “Auf der Cara Mia habe ich zusammen mit dem blinden Onnen immer das Holz gehackt. Der lahme Wübbo brauchte das in der Kombüse zum Kochen. Ich musste helfen, weil Onnen ja nicht wirklich was sehen konnte mit seinen beiden Augenklappen. Und als Belohnung gab es dann immer eine Schale heißen Kakao.”
Der Mann unterm Schirm wusste nicht mehr weiter. Stammelnd kramte er noch in einem Kasten mit Kugelschreibern und Bildern, die wie die Plakate aussahen. Er war froh, dass in diesem Moment eine Frau am Stand vorbei lief, die er ansprechen konnte. Er verabschiedete sich noch hastig von AMOS und tätschelte ihn wieder potenziell freundschaftlich, aber diesmal auf der rechten Seite.
AMOS drehte sich zu Opa Hermann. “Wir sollten schnell nach Hause fahren und heute abend noch alles Holz hacken, das hinter Deiner Kate liegt, bevor der Häuptling uns das verbietet.”
Opa Hermann lachte. “Machen wir AMOS. Dann bekommst Du auch einen besonders leckeren Kakao als Belohnung.”
AMOS drehte sich noch kurz um und rief ein erhabenes “Avalott-Mäh Häuptling!” zu dem Mann, der nun ziemlich niedergeschlagen neben der wütenden Frau stand, die am Stand vorbei laufen wollte.
“Nee nee. SPD wulln wie nich. So wiet kümmt dat noch aal. Müt dissn Ulla Schmidt un so, wat dee uns betrooogen het mit de Auto in’n Urlaub”, krakeelte die Frau.
Einen Kugelschreiber wollte sie auch nicht haben. Sie hatte schon einen zuhause.