von Rainer Dietrich
Noch ein bisschen mehr Kakao wollte der gefährliche kleine Ostfriese schon noch haben. Charmant-schelmisch versuchte er, erfolgreich in Opa Hermanns Richtung zu schielen, der aber in einem Stapel älterer Zeitungen vertieft zu sein schien. Enttäuscht senkte AMOS seinen Blick wieder in das leere Schälchen.
„Was die schöne Linda wohl macht ?“, seufzte er tief und ein paar Tränchen rollten unter der Augenklappe in sein Fell. „Hat sie mich überhaupt noch lieb?!“ Damit hatte er sich selbst jede gute Stimmung genommen, aber Opa Hermann wusste um die Medizin und goss noch etwas heißen Kakao nach.
„Ich habe hier einen Artikel, der genau Deine Frage gut beantwortet.“ Opa Hermann nippte noch mal genussvoll an einem von Willikens Pilsken, die er spendabel da gelassen hatte, rückte die Lesebrille in Pose und las bedächtig vor:
Nordwest-Zeitung vom Dienstag, den 21. März 2006
„Frauen verzichten eher auf Sex als auf Schnulzen“ – HAMBURG / DPA
AMOS zuckte errötend zusammen …, aber Opa Hermann las unbeirrt weiter.
„Schnulzen statt schmusen: TV-Romanzen sind für Deutsche Frauen wichtiger als Sex. Das ist jedenfalls das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Gewis-Instituts unter 1091 Frauen zwischen 20 und 45 Jahren. Nur sechs Prozent der Frauen halten es für problematisch, wenn sie einen Monat lang auf Sex verzichten müssten.
Sport hingegen wollen 17 Prozent auf keinen Fall vier Wochen missen. Ein langes Schaumbad ist für 19 Prozent nicht wegzudenken, und 23 Prozent können sich nicht vorstellen, einen ganzen Monat ohne Schokolade auszukommen. Genuss-Erlebnis Nummer eins ist aber für Frauen das wohlige Gefühl, einen schnulzigen Fernsehfilm zu sehen. 35 Prozent der befragten Frauen antworteten auf die Frage, auf welchen Genuss sie einen Monat lang am wenigsten verzichten könnten: auf TV-Romanzen.“
AMOS hatte leider nicht viel verstanden, aber immerhin das Wort Schokolade. Beherzt reckte er sein Köpfchen hoch.
„Aber LINDA ist doch Ostfriesin, Schaf-Frau sowieso, und sie liebt doch hoffentlich mich und nicht nur diese Tee-Frau-Romanzen, eher doch ein Schälchen Kakao wie ich ?!“ Aufgewühlt und ergriffen sackte er in eine Seite der Couch.
Die Augenklappe wurde ihm erst mal auf das andere Auge gebunden und über den Kopf gestreichelt wurde er auch. „Hey – kleiner Pirat! Du hast doch alles richtig gemacht. Das Schiff Deiner lieben Piratenfreunde um Captain Hornblewer heißt doch CARA MIA. Genau so heißt doch auch ein schön-schnulziger Hit und genau mit dem wurdest Du doch gleich zweimal bei Radio Bremen Eins in der Sendung „Wünsche und Musik“ gegrüßt – erinnere Dich doch mal. Das hörten viele im Radio und einige riefen mich sogar hier an. Sie wünschten Euch Glück – auch die vom Radio.“
Opa Hermann setzte sich neben ihn aufs Sofa, nahm ihn lieb in den Arm und beide schmetterten die Arie CARA MIA durch die Kate, so inbrünstig, wie es die Lungen her gaben.
AMOS ging es dann auch besser, nur eines wollte er noch anbringen. „Also die Frauen lieben vielleicht auch Kakao-Frau-Romanzen, wenn man sie richtig fragen würde, nicht wahr?!“
Opa Hermann musste sich weg drehen, um sein Grinsen zu verbergen. „Wo Du Recht hast, hast Du Recht, kleines gefährliches Piratenschaf.“ Zu AMOS gebeugt bemerkte er, das dieser im Inbegriff, eine gute Figur abgegeben zu haben, wohlig in schafischen Schlummer geglitten war.
Cala Frya Fresena – und dem umgebauten Tee-Clipper namens CARA MIA der lieben Piratenfreunde soll es auch gut gehen. Das Schnarchen beider erfüllte nun die Stube – und Kakao und Pilsken waren ohnehin ausgetrunken.
Man sollte halt – im Falle „wenn“ – dann „richtig“ – umfragen.
„Weiße beschait?“ – wie man im Ruhr-Gebiet sagt.