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AMOS und die Sicht der Dinge

Samstag, 19. September 2009
von Rainer Dietrich

AMOS lauschte dem monotonen Rhythmus der auf die Fensterbank herabfallenden Regentropfen und drückte seine Schafsnase an der Scheibe platt. Draußen fehlten die Kühe auf der Weide und bald würde es noch kälter werden. Dann würde er den roten Schal wieder tragen – bestimmt … oder eben auch nicht, seufzte er in sein Fell.

„Opa Herrmann?“

Der angesprochene blickte von der Zeitung hoch und über die Lesebrille hinweg.

„Opa Herrmann, warum ist denn alles hier so traurig?“

Die Zeitung wurde zusammen gefaltet und die Brille obenauf gelegt. Mit leichtem Streicheln über den Kopf hatte AMOS sich immer schnell beruhigt. „Es ist November, kleiner Freund, November in Jever, in Aurich, in Leer und auch hier. Da sieht es eben überall so aus. Aber Du musst Ostfriesland halt durch eine positive Brille sehen – ein bisschen rosa-rot wäre dabei nicht schlecht.“

AMOS blickte ungläubig hoch, aber er hatte gut zugehört und sich alles gemerkt. Seine Bedrückung lag also an einer Brille?

Opa Herrmann schlief noch, als AMOS die Landstraße herunter trottete. Eigentlich hätte die Augenklappe jetzt auf das andere Auge gemusst, aber das war ihm egal.

Endlich am Kanal angekommen sah er das, was er suchte. Ein ganzes Schaufenster voller Brillen. Schnell schüttelte er noch mal die Wassertropfen aus seinem Fell und dann trat er durch die halboffene Tür, worauf ein Gong ihn erschreckte. Aus einem Hinterzimmer erschien ein hoch gewachsener Mittdreißiger, der im Schwung inne hielt und mit zwei Fingern seine italienische Designerbrille wieder in Form brachte.

Leicht erhaben und säuerlich murmelte er ein „Moin, moin.“

„Ich bin AMOS, ein gefährliches Piratenschaf und auf der Suche nach meinen lieben Piratenfreunden.“

„Soso,“ hüstelte der Optikermeister – „und jetzt auf der Suche nach einem Monokel?“

AMOS wusste nicht, was ein Monokel war, freute sich aber, dass man ihn in etwa verstand.

„So eine Brille – ziemlich positiv und vielleicht etwas rosa-rot.“

Der Optiker sah über AMOS hinweg auf die Pfützen und die einschlagenden Tropfen im Wasserspiegel des Kanals.

„Brillen – ich lebe nun mal davon, Brillen zu verkaufen. Aber ein Schaf war noch nie hier.“

„Gefährliches Piratenschaf …“ korrigierte AMOS „ … und eine in positiv und rosa-rot.

„Kasse oder privat?“

„Ostfriese – ich bin Ostfriese, glaube ich wenigstens.“

Beide sagten eine Zeit lang nichts. Dann verschwand der Optiker wieder im Hinterzimmer, wo alsbald Geräusche auf eine Suchaktion schließen ließen. Als er wieder erschien hielt er ein breites Modell einer Hornbrille aus den Siebzigern ohne Gläser in die Höhe.

„Sie ist zwar nicht rosa-rot, aber unbedingt negativ ist sie auch nicht – aber dafür umsonst.“

Mit zwei spitzen Fingergriffen setzte er sie AMOS auf den Kopf, band ihm noch einmal die Augenklappe fest. Mild lächelnd leitete er die Verabschiedung ein und wies zum Ausgang.

„Moin, moin … und Tschüß!“

„Avalott – mäh!“

Der Regen war stärker geworden, aber diesmal machte er AMOS nichts aus, denn er merkte es nicht.

„Wo warst Du denn?“ Opa Herrmann blickte von der Zeitung auf, sah ihn an. „Und was trägst Du da auf der Nase?“

„Sie ist nicht unbedingt rosa-rot,“ erläuterte AMOS stolz, „aber dafür ist sie auch nicht unbedingt negativ.“

Sein Grinsen konnte Opa Hermann gut verbergen und AMOS schaute durch die nicht vorhandenen Brillengläser nach draußen.

„Es ist doch schön in Ostfriesland.“ murmelte das Piratenschaf, „Auch im November “.

AMOS und was Schafe so mitbekommen

Dienstag, 1. September 2009
von Rainer Dietrich

„Kannst Du mir die Augenklappe jetzt doch auf wieder zurück über das rechte Auge binden?“

Opa Herrmann legte knurrend die Zeitung beiseite. „Du weißt aber auch nicht, was Du willst. Erst links, dann rechts. Andere wären froh, wenn sie zwei gesunde Augen hätten.“

„Aber ich bin…“ AMOS rümpfte die Schafsnase „… ein gefährliches Piratenschaf!“

„Wissen wir doch.“, vollendete Opa Herrmann seufzend den Satz.

Das tat weh und AMOS wollte jetzt ganz lange nicht mehr mit ihm reden.

„Ein Fernseh-Team ist hier in der Region. Sie suchen ehrliche Szenen aus dem ostfriesischen Leben, die man dann in ganz Deutschland sehen kann. So schlecht ist das doch nicht. Oder möchtest Du nicht, dass da etwas Reklame für Deine Heimat gemacht wird?“

Und ob AMOS wollte. Schön, dass diese Leute das überhaupt vor hatten. So vergaß er schnell, dass er eigentlich beleidigt war und bat Opa Herrmann, die Augenklappe dann doch noch schnell auf die nun wieder andere Seite festzubinden.

Als er die Landstraße entlang lief, überlegte er sich auch schon einen tollen Text – falls er überhaupt auf das Fernseh-Team treffen sollte. Halblaut sprach er ihn vor sich her und versuchte, so wenig „mäh“ wie möglich dabei zu sagen. Einige Autos blinkten, streckten fünf Finger aus dem geöffneten Wagenfenster und AMOS grüßte mit einem kräftigen „Avalott – Mäh!“.

Vielleicht meinten sie ja nicht die anderen, ihnen wiederum entgegen kommenden Autos, sondern sie meinten ihn, das gefährliche Piratenschaf? Egal. AMOS hatte gute Laune und trippelte beschwingt weiter in Richtung des nächsten Ortes.

Dicht hinter dem Stamm eines Baumes entdeckte er plötzlich eine Kamera, die auf die Straße gerichtet war. Das dazu gehörige Team saß, etwas dahinter versteckt, in einem dunklen PKW. Sicher hatten sie Pause, denn sie sprachen in irgendetwas hinein – wahrscheinlich in ihr Frühstück.

Nachdem er tief Luft geholt hatte, stellte er sich vor das frei stehende Gerät und hob die Stimme: „Ich bin AMOS, ein gefährliches Piratenschaf und suche meine lieben Piratenfreunde. Wenn Ihr sie gesehen habt, so sagt bitte ganz schnell mir oder Opa Hermann bescheid, der mir das dann sagt. Er fährt mich dann auf seinem Fahrrad-Anhänger ganz schnell dort hin.“

Puh, das war schon mal geschafft und nun legte sich etwas seien Nervösität. „Aber Ihr wollt etwas über Ostfriesland hören, glaube ich mal. Opa Herrmann sagt immer, es sei der ideale Platz, um sich vor der Welt zu verstecken.“ Jetzt machte er eine kleine Verschnaufpause. Im dunklen Wagen bekam man das erst gar nicht mit.

Die Stimme über Funk fluchte: „Schon drei absolut zu schnell. Was macht Ihr denn da. Seid Ihr eingeschlafen? Die hatten mindestens zwanzig zu viel!“

„Es ist nur so, dass wir nicht viel Show in unserer Landschaft gewohnt sind.“ Fuhr AMOS fort. Hier lernt man erst mal zu spüren, was Ruhe sein kann – oder hat man Ihnen etwa etwas anderes über Ostfriesland erzählt?“

„Scheiße auch,“ murmelte der Hauptwachtmeister,“ das glaubt keine Sau. Guck mal, da steht ein Schaf davor und glotzt in die Linse. Es hat etwas schwarzes am Kopf.“

„Ich muss es ja wissen,“ AMOS versuchte, streng zu sprechen. „Ich bin nämlich Ostfriese – glaube ich jedenfalls. Und schönen Gruß an alle, die das hier sehen.“

„Bist Du vielleicht bald mal weg, du blödes Vieh? Fünf Raser sind uns durch die Lappen gegangen.“ Wütend rollte der Oberwachtmeister mit den Augen und AMOS zuckte zusammen. Er war ja noch nicht einmal dazu gekommen, sein Avalott-Mäh zu sagen. Diesmal war er aber wirklich sehr beleidigt und trottete heim.

„Und wo warst Du denn jetzt schon wieder?“, wollte Opa Hermann wissen.

„Das Fernseh-Team wollte gar nicht wissen, wie es in Ostfriesland wirklich ist,“ jammerte AMOS und verzog sich unter einer Decke.
„Dann muss man sich auch nicht wundern, wenn es weiter Ostfriesenwitze gibt.“