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Wie AMOS Opa Hermann traf

Freitag, 24. Juli 2009

Die Augenklappe war von den Tränchen völlig durchnässt und AMOS konnte damit einfach nicht aufhören.

Das, was passiert war, war so schrecklich, dass er es selbst nicht glauben konnte. Nur eine kurze Zeit war er an Land gegangen und hatte dieses wunderhübsche Schaf-Mädchen dezent beschnuppert, als die Piraten mit ihrem Schiff in dem festen Glauben ablegten, er sei an Bord. Sie hatten es wohl erst bemerkt, als sie schon weiter weg waren. Auf der Suche nach einem Hügel war AMOS auch immer weiter gelaufen und irgendwann verzweifelt eingeschlafen. Wie ein Häufchen Elend hatte er sich wimmernd in einer Mulde hinter einem Strauch verkrochen, als ein Schatten über ihn fiel.

„Erschrecke dich bitte nicht – dir geht es wohl nicht so gut ?!“ Ein hagerer älterer Mann hatte sich über ihn gebeugt und betrachtete die feuchte Augenklappe.

„Ich bin Opa Hermann. Nein, kein wirklicher Opa, weil ich halt keine Kinder habe, aber man nennt mich so. Vielleicht, weil ich mich auch so benehme. Schließlich führt sich ja auch nicht jede Mutter wie eine Mutter auf und Politiker wie Volksvertreter. Dann darf ich auch Opa sein.

AMOS blinzelte gegen die Sonne.

„Ich bin AMOS, ein gefährliches Piratenschaf und habe meine lieben Piratenfreunde verloren.“

Opa Hermann musste ein Grinsen unterdrücken  und nach einer Weile des Streichelns band er die Augenklappe auf die andere Seite, erfuhr unter Schlurzen die komplette tragische Geschichte.

„So, deine Freunde haben dir also immer Kakao gekocht und die Augenklappe gewechselt? Das war also deine wahre Familie? Oh, ich verstehe schon, wie du dich nun fühlen musst. Was hältst du davon, wenn du erst mal mit in meine alte Kate kommst und dich beruhigst? Kakao habe ich auch und danach überlegen wir einmal, wie alles weiter gehen könnte.“

Er packte AMOS auf den Anhänger seines alten Fahrrades und erreichte bald die frei stehende Hütte, wo in der Ecke bereits der Igel Jupp schnarchte. Er wickelte seinen kleinen Gast in eine Decke und als er den Kakao gekocht hatte, schlummerte dieser bereits selig, tief atmend und leicht zitternd.

„Ein Piraten-Schaf. Wer hätte heute Morgen gedacht, dass der Tag so verlief. Piraten – gar liebe Piraten habe ich hier ja noch nie gesehen, was aber nichts heißen mag.“

Er griff zur Lesebrille und las den Lokalteil der Zeitung, wo ein aufgepuscht geschildertes Ereignis das nächste jagte, aber ihm nichts wirklich lesenswert erschien. Nur von seinem Fund wollte er in der Zeitung nun wirklich nichts lesen. Es müsste auch so gehen, vielleicht mit der Hilfe von Menschen, die noch nicht so ganz stumpf und abgeflacht geworden sind?

„Eine neue Zeit ist wohl angebrochen. Mein Leben mit AMOS und die Suche nach seinen lieben Piratenfreunden. Na, dass kann ja was werden.“

Die Geschichte wird fortgesetzt – von uns und alle zehn Tage. Aber wie steht es denn um ihre Ideen? Haben sie Lust, mit zu schreiben? Eingeladen sind ganz kleine Kreative bis hin zu ideenreichen Seniorinnen und Senioren.

Was zum Thema passt, wird hier erscheinen … versprochen !!

Im Supermarkt

Sonntag, 19. Juli 2009

„Ich bin …“

Die desinteressiert dreinblickende Kassiererin schaute ins leere …

„Erst den Wagen vor schieben – nach hier!“

AMOS wusste nicht so recht …

„Den Wagen … Iss Vorschrift!“

Einen Moment lang sagte keiner etwas.

„W-a-g-e-n, Einkaufswagen … hierhin. Ich muss da rein gucken!“

„Aber ich habe doch gar keinen Wagen.“

Nun erhob sich die hagere Mittvierzigerin mit dem grauen Perlon-Kittel und blickte über das Laufband. „Und was hast Du nun gekauft?“

AMOS kräuselte die Schafsnase und nahm seinen ganzen Mut zusammen. „Ich bin AMOS, ein gefährliches Piratenschaf und wollte nur fragen, ob Du meine lieben Piratenfreunde gesehen hast.“

„Und im Fell? Was hast Du im Fell?“

AMOS verstand nicht, zuckte aber zusammen, als zweimal geklingelt wurde. Schnell eilte ein nicht sehr großer Weißkittel mit einem lang gezogenen Aaach herbei. „Ach, ach, ach … die neusten Tricks der südosteuropäischen Ladendiebe? Ein Gruß von der EU-Erweiterung? Aber das haben wir doch schnell.“ Zu der Kassiererin gebeugt: „Ist er schon länger hier?“

Ein paar Tränchen konnte AMOS nicht zurück halten. „Ich bin AMOS, ein gefährliches Piratenschaf. Ich suche doch meine lieben Piratenfreunde – und ich bin Ostfriese, glaube ich jedenfalls …“

„Und was haben wir geklaut? Na, Deine Flucht endet wohl hier und jeder Diebstahl wird zur Anzeige gebracht. Gleich hier oben steht es schon.“

AMOS sackte zusammen und weinte nun bitterlich. „Ich wollte doch nur …“ blökte er leise.

„Wollen, wollen – so läuft das nicht. Schon in dieser Woche fehlen uns sechs Flaschen von diesem amerikanischen Whiskey.

„Interessant …“, die Kassiererin hatte ein Schild aufgestellt mit dem Hinweis, dass man sich hier nicht mehr anstellen sollte. „Interessant ist doch, was den Typen heute alles einfällt, Chef. Vielleicht trinkt er keinen Borbon, dann ist er eben Ablenkungsmanöver und die karren die Kisten gleich zu mehreren raus. Soll ich die Polizei anrufen?“

Der Filialleiter rieb sich die Adlernase: “Nach Vorschrift, Frau Hickenga, immer nach Vorschrift – was denn sonst?“

Ein Passat mit Blaulicht hielt direkt vor dem Eingang. Zwei Herren in modischem grün bahnten sich einen Weg durch die entsetzten Hausfrauen. Die Polizeibeamten umringten AMOS mit vorbehaltlich zwei gezückten Handschellen. Der jüngere meinte anmerken zu müssen, dass die dünnen Beinchen da wohl durch flutschten. Diese Peinlichkeit überspielte der ältere: „Und Du trinkst nun gerne teuren Bourbon?“

AMOS verstand auch diesmal wieder nichts.

Zu seinem Kollegen gewandt: „Wie können wir den denn abführen – und wie bekommen wir denn die Personalien heraus?“

AMOS stampfte mit dem Huf und sagte trotzig : „Ich bin AMOS … und Ostfriese!“

Die beiden Beamten wandten sich ab, tuschelten. Eine fatale Situation. Besteht Gefahr im Verzug von einem Lamm? Die Flucht wurde ja bereits vereitelt. Diebesgut konnte auch nicht sicher gestellt werden. Und nun? Kleine Kinder kreischten, eine ältere Dame wollte ihm über das niedliche Köpfchen streicheln und ihm bei dieser Gelegenheit die Augenklappe wieder richten. Jemand wollte den Lokalreporter anrufen. Da kam dem Dienstälteren die erleuchtende Idee!

„Wie kommt ein Piratenschaf in Ihren Supermarkt, Herr Filialleiter? Das ist doch gegen alle Gesetzgebung, muss ich mal feststellen!“

Ertappt errötete der angesprochene, rang nach Luft, wedelte mit den Armen und wandte sich zur Kassiererin, deren siegessichere Miene nun auch verblasste. „Diese Frage gebe ich gleich an Sie, Frau Hickenga, weiter. Das ist so eine unglaubliche Sache, dass es einer Abmahnung würdig ist. Ich schäme mich im Namen des Vorstandes. Stellen Sie sich nur vor, ein Journalist wollte hier etwas kaufen – per Zufall!“

„Na, amerikanischen Whiskey haben wir ja nicht mehr …“, stotterte die angeraunzte.

„Und Du, mit Deiner Augenklappe, verschwindest auch mal schnell von hier.“

AMOS wollte noch fragen, ob vielleicht die Polizisten, oder jemand der gaffenden Kunden seine lieben Piratenfreunde gefunden hatten. Er tat es nicht und schlich durch den Ausgang, sah sich noch einmal die Einkaufswagen an, die ja so wichtig zu sein schienen. Als er um die Ecke hoppelte, stolperte er fast über einen Karton mit sechs Flaschen amerikanischen Bourbon Whiskey.

Nur schnell weg hier – und außerdem mochte er ja sowieso viel lieber Kakao.